Monatsarchiv: November 2010

Dysfunktional

Krank sein ist doof, das brauch ich glaub ich hier nicht extra zu erwähnen. Ich glaub ich bin nicht mehr oder weniger krank als manch andere/r …ja, mein Immunsystem ist mit Stressfaktoren gekoppelt und gibt schon gern mal nach und geht in die Knie, wenn ohnehin schon viel zu viel los ist. Mein Beruf bringt es wohl auch mit sich zu „Risikogruppen mit erhöhter Infektionsgefahr“ zu gehören, das macht sich definitiv auch bemerkbar, wenn man in Zeiten wie diesen von der Früh weg angeschneuzt, angeniest, angehustet und was weiß ich noch alles wird.

Und irgendwann ist es dann halt mal wieder so weit, es hat einen erwischt. Es hat mich erwischt.

Ich bin trotzdem noch auf einer Tagung, weils mir wichtig ist, weil ich es für meine Arbeit brauche und weil ich die Kontakte und Gespräche dort für eine Forschungsarbeit brauche, auch wenn ich ohnehin kaum mehr Stimme habe. Und ich genieß ja auch  die Zeit mit denen, mit den ich dort bin bzwmit denen,  die mich dorthin begleiten. Und irgendwie geht’s schon. Es muss gehen.

Irgendwann geht dann nix mehr. Sich wieder ewig herumdrücken vor dem Krankmelden, weil man die Reaktion schon kennt. Trotzdem, es nutzt ja nix. Versuchen so schnell wie möglich wieder fit zu werden, der Blick in den Terminkalender erlaubt eigentlich kein krank sein. Täglich der Anruf aus der Schule, weil der Chef was wissen will, was braucht, was loswerden will und immer die Frage, bist eh bald wieder gesund, kommst eh am Donnerstag wieder, so schlimm is es ja nicht, oder? Nein, klar, es ist nicht so schlimm. Natürlich komm ich am Donnerstag wieder, Ja sowieso versteh ich das, dass andere Kollegen auch krank sind und die anwesenden sauer sind über die anfallenden Supplierungen (ich gebe zu ich mag diese oftmals überraschenden Zusatzstunden auch nicht wirklich).

Zwischendurch zerbrech ich mir den ohenhin schon schmerzenden Kopf, wie ich den Arbeitsplan nun halbwegs einhalte, ich hab mir ja in den Kopf gesetzt, nebenberuflich ein Masterstudium zu absolvieren und bin nun dabei meine Masterthesis zu schreiben und die letzten beiden Studiensemester zu absolvieren.

Manchmal frag ich mich ja ein wenig, ob jemals einer von denen, die „berufsbegleitende Masterstudien“ aufsetzen,  selber berufsbegleitend irgendwas in der Art gemacht haben….streckenweise geht einem da nämlich ganz schön die Puste aus und da ja die Seminare „berufsbegleitend“ an Wochenenden stattfinden, werden freie Tage knapp.

Donnerstag. Ich geh wieder zur Arbeit und merk sehr bald, dass das nicht das allerschlauste war. Aber es nutzt nix, ich hab am Wochenende ja Seminar mit Anwesenheitspflicht. Irgendwie muss es gehen.

Freitag. Ich geh zwar wieder in die Schule, schlepp mich durch den Vormittag aber dann so kurz vorm Umfallen (also dort, wo man Watte in den Knien hat und Sternchen vor Augen, wenn man sich von der Tafel wieder hin zu den Schülern dreht) siegt die Vernunft und ich sag das Seminar mit schlechtem Gewissen ab. Schreib eine Entschuldigungsmail an den Prof.und leg mich mit Fieber ins Bett.

Mir is jetzt schon übel, denn ich weiß ja dass das zu den Schularbeiten der kommenden Woche, dem Elternsprechtag, der Arbeit an der Masterthesis, der noch zu formatierenden Seminararbeit vom letzten Seminarwochenende (24.000 Zeichen können ganz schön lästig sein….) jede Menge Mehrarbeit bedeuten wird. Und ja, der Prof überlegt grad, ob er mir wegen meines Fernbleibens eine Extraprüfung verpassen soll anstatt einer zusätzlichen Literaturarbeit, denn Zitat: „sooo billig darf ein Master dann ja auch nicht sein“. Mal ganz abgesehen davon, dass der Master alles andere als billig ist (nein, ich red hier nicht von der Geldsumme, die dieses Studium auch kostet sondern von der Arbeit, die wir da investieren) hey, ich bin krank.  Ich  hab mir keine faule Ausrede einfallen lassen und ich drück mich nicht vor der Arbeit, aber ich seh’s auch nicht ein, noch extra dafür bestraft zu werden, weil ich mal nicht funktioniere, so wie ich sollte.

Mein Chef (der aus der Schule) hat mir heut noch eine mail geschrieben und die endet mit dem netten Wunsch, ich möge mich doch am Wochenende ein wenig erholen, damit ich am Montag sicher wieder ganz fit bin.

Und irgendwann dann werd ich es geschafft haben, wegzukommen von dem doofen Gefühl funktionieren zu müssen und dann, ja dann, dann werd ich einfach leben anstatt zu funktionieren. Das wird kuhl.


Stimm_ung

Wann hab ich zuletzt über meine Stimme nachgedacht. Gute Frage. Meine Stimme ist für mich etwas Selbstverständliches, sie ist da, sie wird tagtäglich gebraucht und ist im Einsatz, sie ist Teil von mir, in gewisser Weise ist sie auch ein Erkennungsmerkmal an mir und sie ist letztlich auch ein guter Teil meines Kapitals.

In meinem Beruf oder besser gesagt in meinen Berufen und Berufungen ist Stimme ein wesentlicher Anteil der mich einerseits zum Tun befähigt andererseits auch das Gelingen meines Tuns beeinflusst. Menschen reagieren auf meine Stimme, sie finden sie angenehm oder auch nicht, sie hören sie gerne oder auch nicht.  Und meine Stimme ist gebildet. Wie das jetzt wieder klingt aber ja, gemeint ist, meine Stimme hat einige Semester Sprecherziehung genossen genauso wie einige Semester Gesangsausbildung. Meine Stimme hat sich verändert im Lauf der Jahre und ist mit  mir gewachsen und hat sich weiterentwickelt, genauso, wie hoffentlich auch ich selber es getan habe. Und ja, ich kann auch sagen ich mag meine Stimme, wir sind ein gutes Team.

Und trotzdem denk ich natürlich nie drüber nach, was wäre, wenn meine Stimme einmal nicht mehr funktionieren würde. Seit ein paar Tagen allerdings zwingt mich der krankheitsbedingte Verlust meiner Stimme zum Schweigen. Es ist definitv ein anderes Schweigen als wenn man halt gerade nicht s zu sagen hat oder wenn man froh ist, nichts sagen zu müssen. Es ist ein Schweigen, weil die eigene Stimme Urlaub macht, sie ist einfach weg und das was hier ist, klingt nach allem möglichen aber nicht nach meiner Stimme. Es ist ungewöhnlich, den Mund aufzumachen, ein Gespräch führen zu wollen und dabei wahrzunehmen, dass die Stimme bricht, dass sie manchmal einfach nicht anschlägt, dass sie krächzt und dass sie hohl wirkt und letztlich auf einmal überhaupt nicht mehr da ist.

Und zwischendurch hinein in das Schweigen immer wieder so ein paar kleine Selbstversuche, Selbstgespräche um abzutesten, ob die Stimme ihren Urlaub eventuell bereits wieder beendet hat. Das Krächzen ist weniger geworden, die Stimme klingt noch brüchig und sehr heiser und hat nach wie vor keinen vollen Klang. Aber sie ist dabei wieder zurückzukehren. Ich freu mich auf sie, wenn sie dann wieder ganz bei mir sein wird.

Und bis dahin schweige ich eben noch ein wenig vor mich hin.


auch lehrerInnen können weinen….

zufälle.

meist sind es die kleinen unscheinbaren zufälle, die steine ins rollen bringen.

steine, von denen man sich  wünschte, sie nie losgetreten zu haben, weil sie den blick offenbaren auf das, was im verborgenen sich zuträgt.

eine harmlose frage, tränenströme als reaktion darauf, totale irritation auf meiner seite. sich fassen, fieberhaft überlegen, welche reaktion nun angemessen ist. 20 andere, die mitbeobachten.  die 20 allein lassen, um mit der einen reden zu können.  einen ruhigen ort dafür suchen. einen geschützten ort dafür suchen. ihn nicht finden, weil es ihn hier nicht gibt. auf dem gang enden.

behutsam nachfragen. zuhören und währenddessen selber immer tiefer fallen und den schmerz stellvertretend für die, die von ihm erzählt hinausschreien wollen in die welt. fassungslos einfach nur behüten wollen. in den arm nehmen und versprechen, dass alles wieder gut wird.

genau das aber nicht tun, weil ich es nicht versprechen kann und vor allem weil ich nicht weiß, was „gut“ ist und wie „gut“ sich für sie anfühlen würde.

eine familiensituation wahrnehmen, verständnis haben einerseits, tobende wut in mir andererseits. hilflosigkeit und ohnmacht spüren. sich vorwürfe machen, nachdenken, grübeln. hätte ich früher etwas merken müssen?

mauern die eingerissen sind, erleichterung, es endlich ausgesprochen zu haben. schleusen, die offen sind. hoffnung in den augen aufleuchten sehen.

hilflosigkeit und ohnmacht wahrnehmen. unbändigen zorn auch auf all jene, die es immer wieder besser wissen, die sich nicht in kühnsten träumen vorstellen können, wie man sich selber in solchen situationen fühlt, und die dennoch immer wieder über mich und den ganzen berufsstand ihr urteil fällen. ganz pauschal.

nachdenken, schritte setzen, überlegen, telefonieren, gespräche führen, weiterdenken, sich sorgen machen, sich vorwürfe machen,sich den kopf zerbrechen, schlaflos herumgrübeln, wissen, dass meine schritte folgen haben, für mehrere betroffene bzw. beteiligte. wissen, dass situationen manchmal viel komplexer und schwieriger sind, ineinander verflochten, verstrickt und sie sich nicht so leicht lösen lassen, wie mancher jetzt vielleicht wieder annehmen möchte.

betroffen vom schicksal des kindes, betroffen vonder liebe des kindes, betroffen vom druck, dem die familie ausgesetzt ist und betroffen, von der verzweiflung, die spürbar ist.

versuchen, nicht zu verurteilen sondern nachzudenken und für hilfe zu sorgen. hilfe für alle beteiligten.

manchmal wünschte ich, dass auch wir hilfe hätten.

hoffen, das richtige zu tun……

all jenen gewidmet, die sich immer wieder so sicher sind, wie unser berufsalltag ausschaut und die mit ihren kommentaren dazu nicht hinter dem berg halten, ….. mögt ihr nie in solche kinderaugen schauen müssen.

PS: in der ganzen geschichte kommen weder migranten noch sozial schlechtgestellte und  auch keine arbeitslosen menschen vor. das sei  nur erwähnt, um dem nächsten möglichen vorurteil zuvorzukommen.