Monatsarchiv: Februar 2011

begegnung

vor ungefähr drei jahren musste ich die unangenehme erfahrung machen, dass ein schüler mir gegenüber gewalttätig wurde und mich auch verletzt hat. kein erfahrung, die ich nochmal brauche, weniger schlimm der körperliche schmerz als der seelische in dem augenblick.

wir beide hatten keinen konflikt. ich war quasi zur falschen zeit am falschen ort oder wenn man es im nachhinein berachtet zur richtigen zeit am richtigen ort. ich bin sozusagenmitten in die aggression dieses damasls 13 jährigen gelaufen, hab versucht ihn aufzuhalten und schon war ich für ihn eine projektionsfläche für seinen eigenen schmerz und da war’s auch schon geschehen. letztlich eine kleinigkeit, eine zerrung des daumengrundgelenks. aber eine unglaublich schwierige situation. wie reagiert man, was macht man, wie geht man mit so einer situation um.

da gibt’s welche, die gleich laut aufjaulen und meinen, sowas darf man sich nicht gefallen lassen, anzeigen, der schule verweisen etc….

ich hab mich damals entschieden, mit einer betreuungslehrerin zusammen einen „anderen weg“ zu gehen. ich hab gewusst, dass es nicht um mich ging, dass er einfach blind vor wut war. „mir wird auch weh getan und ich muss es auch aushalten“. ein jugendlicher, der zu hause dinge erlebt, die niemand erleben sollte und schon gar kein kind in dem alter.

es ist gelungen, die anzeige zu umgehen, gemeinsam mit der jugendwohlfahrt ist es mir gelungen, ihn in eine therapie zu bringen und ihm zu zeigen, es war nicht okay, was du gemacht hast aber ich versteh deine verzweiflung. er hat begonnen zu reden.zum ersten mal alles erzählt.

heute am abend steig ich gedankenversunken aus dem zug und geh zu meinem auto. am weg kommt mir eine ganze bande teenager entgegen, einige ehemalige schüler sind auch dabei. natürlich würdigen sie mich keines blickes (wär ja auch wirklich unkuhl)

nur einer bleibt stehen. lächelt mich schüchtern an, sagt „hallo“ und geht weiter.der junge von damals.

das sind die momente, wo man dann weiß, man hat etwas richtig gemacht, man hat eine richtige entscheidung getroffen.

und dann ist man einfach nur unheimlich dankbar und freut sich…..


Hochspannung

Unter Hochspannung stehen. Oder sich wie ein Druckkochtopf fühlen.Nicht mehr entspannt sein können und wie aufgezogen durch die Weltgeschichte rasen. Fühlen, dass der Herzschlag nicht mehr zur Ruhe kommt, eine Runde nach der anderen im Hamsterrad drehen. Glauben, nicht aussteigen zu können, die eigenen Ansprüche immer noch ein Stück höher schrauben, perfekt sein wollen im Beruf, im Studium, in den Beziehungen. Sich immer wieder aufraffen, in die Arbeit gehen, Konflikte erleben, Leitungswechsel, Umbrüche, neue Pläne, Mehrarbeit, Studium, Abschlussarbeit, schreiben, schreiben, schreiben, Telefonate, Mails, Schriftverkehr, Bücher lesen, Dokumente durchsuchen, Konzepte erstellen, Seminare planen. Nicht mehr schlafen könne, ständig irgendwie krank sein, Schmerzen haben, sich allein gelassen fühlen, sich im Stich gelassen fühlen, manchmal verzweifeln wollen, Sehnsucht nach Ermutigung und Unterstützung, Sehnsucht nach Leben, im Chaos ertrinken.

Aber in all dem den Blick nicht verlieren für  das Schöne und Kraftvolle, das auch darin steckt. Die neuen Kontakte, die Unterstützung aus Berlin, aus Bergen Belsen, aus Washington. Die Einladungen, überall dorthin auch zu kommen und von eigenen Erfahrungen zu berichten. Neue Projekte, die heranreifen.

In all der momentan gefühlten Einsamkeit die Versuche derer nicht übersehen, die mich ermutigen wollen. Ein Paket mit Buch und Schokolade, viele aufrichtige Ermutigungen zu jeweils 140 Zeichen, ein Obstkorb zum Gesund werden, ein Care Paket zum Durchhalten, ein Blumenstrauß, ein kleines Blumenstöckchen,eine SMS, eine Karte, ein Anruf.

Und manchmal es schaffen, sich Zeit zu stehlen. Für einen kitschigen Peter Alexander Film, für eine Stunde auf der Couch, für einen schnellen Kaffee,für einen kurzen Spaziergang oder so wie heute  für ein Frühstück mit der weltbesten Patentochter und feststellen, wie gut es tut, sich mal wieder mit jemandem  unterhalten zu können, von Angesicht zu Angesicht, von Mensch zu Mensch.

Und wissen, dass es schon ein Stückchen Zielgerade ist, auf der man sich befindet, dass in einigen Wochen die Gewässer wieder ruhiger werden könnten, wissen, dass der Frühling in den Startlöchern steht. Und hoffen, bis dahin alles noch halbwegs unbeschadet zu überstehen und zeitgerecht fertig zu werden.

Und auch wissen, dass man sich freiwillig dazu entschieden hat, diese 3 Jahre zu investieren, um einen akademischen Abschluss neben dem eigentlichen Beruf noch zu erwerben.

Und genau deshalb sich jetzt wieder an den Schreibtisch setzen und versuchen, heute  wenigstens ein bisschen  noch arbeiten zu können, auch wenn mir gar nicht danach ist…….