Monatsarchiv: Januar 2012

Kullertränen

Ziemlich zögerlich kommt er zu mir an den Lehrertisch herausgetrippelt und dann steht er da. Mit seinen 11 Jahren, Lausbubengesicht und Struwelfrisur, eine Rübe wie sie im Buche steht. Aber heute steht er anders da, Kullertränchen laufen über seine Backen und er streckt mir seine Hand entgegen. Er habe sich im Turnunterricht verletzt und nun ist der Finger gaaaaaaaaaaaanz geschwollen (und fällt bestimmt ab) und es tut füüüüürchterlich weh.

Ich streck ihm meine Hände entgegen und er legt seine Hände irgendwie vertauensvoll in meine. Ich halt die kleinen Kinderhände einfach mal ein wenig, während ich nachdenke, was wir tun. Ich schau ihm ins Gesicht und merk, die Tränchen versiegen und er schluchzt nur noch ein klein wenig vor sich hin. Also halt ich seine Hände  einfach weiterhin in meiner Hand, leg meine zweite obenauf.  Es tut schon nicht mehr ganz so weh, sagt er. Ich biete ihm noch an, ihm dann schnell ein Kältepack zu holen. Ein „mhm“ mit vorgeschobener Unterlippe samt unterstützendem Kopfnicken drückt seine Zustimmung aus. Ich schau ihm dabei nochmal ins Kindergesicht und merk, das ist wieder einer dieser Momente, an denen ich so ganz gänsehautmäßig spür, wie gern ich „meine“ Kinder doch hab und wie sehr mir ihr Wohlbefinden am Herzen liegt. Ich teste vorsichtig, ob er seinen tatsächlich leicht geschwollenen kleinen Finger abbiegen kann.  Soweit alles halbwegs okay. Ich schick ihn auf seinen Platz zurück, bitte die anderen Schüler leise zu sein und rase schnell ein Stockwerk tiefer, um ein Kältepack aufzutreiben.  Ich wickle es in ein Tuch, leg es ihm auf den Tisch und sag,“schau, da kannst du deine Pfote drauflegen“. Er lächelt mich an. Die Kälte tut ihm gut und wir können den Unterricht fortsetzen. Am Ende der Stunde kommt er und bringt mir den Kältepack zurück. Ich frag, wie’s seinem Finger geht. In seiner Lausbubenmanier lächelt er mich nun wieder an und meint: „Ah, den Nachmittag werd ich schon irgendwie überstehen, alles halb so wild.“  Dann geht er zurück, packt seine Sachen für die Mittagspause, blödelt wiede rmit Mitschülern rum und will aus der Klasse rausgehen. In der Tür dreht er sich nochmal um, strahlt mich übers ganze Gesicht an und flüstert: Danke, Frau Lehrerin.  Das sind die Momente, in denen man allen Ärger am Schulsystem vergisst und nur dankbar ist, dass man Augenblicke wie diese erleben darf. 🙂

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Amour fou……

Ein Buchtitel, der einen anspricht. Ein paar Sätze daraus oder die Erzählung über ein Buch, die einen neugierig auf mehr macht. Ein Coverbild, das einem gefällt, ein Autor, den man kennt, ein Zufallsgriff, ein Geschenk, die Inhalte und Themen….so viele unterschiedliche Dinge können es sein, die ein Buch und mich zusammenbringen. Manchmal muss ich dann feststellen, dass das Buch vielleicht nicht hält, was es verspricht oder was ich mir davon versprochen habe, aber es gibt eben auch viele so ganz andere Momente.

Amour fou quasi.

Der Moment, wenn man dieses Buch zum ersten Mal in den Hänend hält, sanft über den Umschlag streift, die ersten Seiten aufschlägt, den Duft des Papiers und der Druckerschwärze wahr nimmt und man in dem Moment weiß, es wird eine spannend, intensive Begegnung werden. Oftmals sind es die Umstände, die nicht erlauben, sofort loszulesen, deshalb muss ich es noch ein wenig zur Seite legen, dieses Buch. Aber ich nehme dieses Kribbeln in mir wahr, das mich drängt, endlich zu lesen beginnen zu können.

Und dann  beginnt die Reise. Ich tauche ein in die Sprache, die Wörter umschlingen mich und nehmen mich  mit und sie lassen Bilder in meinem Kopf entstehen. Die Inhalte verbinden mich mit meiner eigenen Geschichte, sie nehmen mich mit zu meinen  Erinnerungen, die so kostbar sind und für die ich dankbar bin. Die Wörter knüpfen Verbindungen zu Menschen, die mir nahe sind oder die mir wichtig sind, Menschen, die ich vielleicht erst kürzlich wo kennengelernt habe, aber die mir seit dem Moment in lieber Erinnerung sind. Menschen, die ich gerne wiedersehen werde. Je länger ich in dem Buch lese, desto weiter zieht es mich hinein in seine Welt, ich vergesse, was um mich ist und versinke in der Geschichte. Ich lege es nur ungern zur Seite, um meinem Alltag nachzugehen. Und auch dabei merke ich, dass mich die Geschichte nicht mehr loslässt, dass ich in Gedanken immer wieder den Protagonisten begegne und mich frage, was sie gerade tun. Ich nehm in meinem Alltag Situationen wahr, die mich an den Alltag in meinem Buch erinnern, Fiktion und Realität verschmelzen zu einer Ebene. Ich freu mich,wenn ich endlich wieder Zeit zum Weiterlesen habe, wenn ich durch die Tür hindurch gehen kann und  mich wieder in der Landschaft meines Buches finde. Ich hab dann den Eindruck, Teil der Lebenswelten meines Buches zu sein. Ich bewege mich in den Landschaften, streife durch Häuser und Wohnungen, blicke aus dem Fenster und höre den Menschen zu bzw. beobachte sie.  Sie haben mich ja herzlich eingeladen und wollen mir ihre Geschichte erzählen.

Und irgendwann dann der Moment der letzten Seite. Einerseits das gute Gefühl, etwas zu Ende gelesen zu haben aber gleichzeitig auch das Erschrecken und jähe Auftauchen aus einer Welt, in der ich noch so gerne verweilen möchte. Verwirrt Realität und Fiktion wieder auseinanderteilen, noch einmal kurz versuchen, zurückzukehren in die Geschichtenwelt des Buches. Und es letztlich dankbar zur Seite legen oder ins Regal stellen. Dankbar für diese Zeit der Entspannung, des Versinkens, des Bei mir seins und des Loslassens.

Nicht jedes Buch erwischt mich so intensiv, keine Frage. Aber ich bin dankbar, dass es doch viele solcher Werke gibt, denen das gelingt. Vielleicht fällt es mir deshalb auch so schwer, mich von meinen vielen Büchern zu trennen. Und eventuell gelingt es mir ja  irgendwann doch noch, mir den Wunsch einer eigenen Bibliothek zu erfüllen. Träumen davon kann ich ja schon mal……

Anmerkung: Das  Buch, das mich die letzten drei Tage gefangen nahm war“Eva schläft“ von Francesca Melandri, 2011


Stille

Vor ein paar Tagen hab ich  Stille auf ganz besondere Art und Weise erfahren dürfen. Jeder hat wohl so seine Erfahrungen mit Stille. Es gibt angenehme, wohltuende Stille, die befreit und in der Mensch sich entspannt, es gibt die schwierige, konfliktgeladene Stille, in der das Schweigen zur Qual werden kann, es gibt betroffenes Schweigen, das in eiskalter Stille enden kann, es gibt ohrenbetäubende Stille…..

Und dann gibt es noch diese Stille, die einem mit einer Dichte begegnet, dass sie einem schier die Luft zum Atmen raubt. Dichte, erfüllte, wunderbare Stille. Ein sakraler Raum, darin nur ein betender Mönch. Eintreten und sofort versinken in dieser Stille. Eine Stille, die sich über alles ringsherum legt, wie eine dicke weiche Schneedecke. Eine Stille, in der die Emotionen groß und wach werden. Dankbarkeit für all das was sein darf, Dankbarkeit für den Moment des Augenblicks, Energie wahrnehmen, fast ungläubig sich immer wieder fragen,was passiert hier gerade und suchend umherblicken. Halt finden und in der Stille verweilen. Bilder vorüberziehen lassen in Sekundenbruchteilen. Erinnerungen aufflackern lassen, die Besonderheit des Augenblickes wahrnehmen und trunken einen Schritt zurück taumeln aus Angst, diese Stille könnte einem zu groß werden. Gemeinsam Schweigen. Aufatmen. Angekommen sein an einem der vielen Orte der Sehnsucht.  Die Tür öffnen und hinaus treten in das goldene Abendlicht. Lächeln. Dir zu.


Jahreswechsel

Ein wenig ungläubig schau ich heute auf den Kalender. Es kann ja doch nicht sein, dass schon wieder ein ganzes Jahr um ist. Ich kann mich erinnern, dass ich immer schmunzeln musste, wenn Leute früher, als ich noch jünger war, meinten: „Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit.“ Und heute sitz ich da und frag mich, wo die Tage geblieben sind. Das Jahr ist irgendwie verflogen…..

Vielleicht liegt es auch daran, weil es mit vielen wichtigen Momenten angefüllt war.

Da gab es im ersten Viertel des Jahres den absoluten Masterthesenwahnsinn…. Druck, Stress, Panik, das Gefühl, es nie im Leben rechtzeitig zu schaffen, Selbstzweifel und Anspannung pur gepaart mit unglaublich interessanter Arbeit, Lust am Entwickeln der Module und interessanten Begegnungen.

Dann Mitte April endlich die Erlösung, das Ding war fertig und eingereicht. Zur Belohnung gab’s einen Kurzurlaub in Budapest. Herrlich entspannte Tage und Stunden.

Das zweite Viertel des Jahres war angefüllt mit Schulalltag, Stress und Sorge um eine Schülerin, viel Neues und viel Organisationskram, da ich einen neuen Chef bekommen hab und der einen völlig anderen Arbeitsstil hat als sein Vorgänger. Zwischendurch immer mal wieder der Gedanke an die Defensio und am Schluss überschlugen sich die Dinge ohnehin wieder. Schulschluss, Notenkonferenzen, Prüfungen und die eigene Diplomprüfung quasi nebenbei. Eine unglaubliche Erleichterung machte sich am 28. Juni abends breit. Es war also tatsächlich geschafft, nach 3 Jahren nebenberuflichem Studium, unzähligen Seminarwochenenden, -zig Seminararbeiten und Referaten, viel Stress und Anspannung aber nun endlich am Ziel angelangt, die Sponsion stand ins Haus.Ein netter Zufall fügte, dass die Sponsion mit meinem Geburtstag zusammenfiel und ich den Tag mit Menschen verbringen konnte, die mir sehr nah sind.

Der Sommer war herrlich entspannt. Ein wunderbarer Urlaub auf Brac machte den Anfang. Herrliche Landschaft, ein tolles Hotel und freundliche Menschen. Und dazu noch das Geschenk, Uwe und seinen Eltern kennengelernt zu haben. Ein junger Mann, ein Kämpfer, der sich nach seiner Zeit im Koma wieder zurückkämpft ins Leben, und das wirklich mit Erfolg. Ich freu mich unglaublich über diese Begegnung und die nette Freundschaft, die daraus wächst. Im Sommer dann noch ein Besuch bei den weltbesten Ungerers in Kitzingen…. gemütliche Tage in einem offenen, quirligen Haus, liebe Menschen und wohltuende Atmosphäre. Zwischendurch immer wieder draußen sein, Sonne tanken so gut es geht, wenngleich das Wetter erst im August eher freundlich wurde. Sommer… Sonne….Licht… den ganzen Tag draußen sein können, meinen mir eigenen Rhythmus leben dürfen, das ist für mich der Luxus pur. Viele Besuche bereicherten den Sommer…. aus Deutschland, Kanada und Moskau. Besonders war es auch für mich, einen Tag mit meinen besten Freunden, die mit ihren Kindern seit einigen Jahren wieder in England leben, in Mauthausen verbringen zu können.  Mauthausen ist in diesem Jahr ein wichtiger Ort geworden, viele gute Begegnungen in diesem Zusammenhang fanden statt…. der Tag mit den Freunden und Bekannten aus Wien, der Tag mit den Freunden aus England, die Stunden, die ich dort vor Ort allein verbracht habe, die Gespräche, die ich mit Menschen führte, die Tagung im Herbst samt der Begegnung und den so bereichernden Gesprächen mit Rex Bloomstein.

Und so bin ich mitten im dritten Viertel des Jahres gelandet. Der Herbst war geprägt von meinem Bedürfnis nach Ruhe, nach Erholung, nach Pausen und deshalb hab ich mir so manchen freien sonnigen Herbstnachmittag in Aschach an der Donau oder auch schon mal am Traunsee gegönnt. Natur genießen, draußen sein, das Herbstlicht, die Farben und die angenehmen Temperaturen. Ferienende und ein Besuch bei einer lieben Freundin in Niederösterreich. Ein Herzenswunsch, der mir damit erfüllt wurde. Schulbeginn und dann  immer wieder Schul- und Arbeitsalltag. Und endlich wieder etwas nur für mich tun, nämlich Flamenco zu tanzen. Seit September steht am  Mittwoch Abend Flamenco im Kalender und ich genieße diese Stunden sehr. Abschalten, mit der Musik Eins werden, den Rhythmus erspüren, sich mittragen lassen, den Alltag vergessen und Energie tanken. Geerdet sein und sich seiner selbst bewusst. Aufrecht stehen und wissen, dass es gut ist, dass man da ist. Eine herrliche Erfahrung mit einer motivierenden Lehrerin, die ich unglaublich schätzen gelernt habe.

Das letzte Viertel des Jahres war angefüllt mit Arbeit, Arbeit, Arbeit….. kaum ein Tag verging, an dem ich das Gefühl hatte, mal wirklich das vorgenommene Pensum erledigt zu haben. Ständig kam etwas Neues hinzu und die Energien wurden spürbar weniger. Zwischendurch eine kleine Oase zum Auftanken…. ein paar Tage in Bad Ischl. Ein Ort, den ich so sehr ins Herz geschlossen hab und an dem ich mich unglaublich wohlfühle. Die Heilkraft der Sole hat das ihre dazu beigetragen und so konnt ich die Tage genießen. Der Dezember hat es neben all dem Arbeitsalltagswahnsinn wirklich gut mit mir gemeint. Schöne Begegnungen, die Geburtstagsfeier meiner 94 jährigen Tante im Kreis der Familie, das Wiedersehen mit Jackie, ein „Überlebender“ und mittlerweile guter Freund aus London und letztlich nun die Tage in Tirol und vor allem aber in Südtirol. Loslassen, Auftanken und Aufatmen zum Jahressende. Mit einem Lächeln und schönen Erinnerungen das alte Jahr beenden und in das neue hineingehen, das fühlt sich gut an und dafür bin ich sehr dankbar.

Das neue Jahr könnte ein spannendes werden, mal sehen, was  genau noch daraus werden wird…. ich wär bereit dafür 😉

Aber bevor’s ans Durchstarten geht, erst mal einen Espresso trinken…. ihr kennt mich doch 😉