Kullertränen

Ziemlich zögerlich kommt er zu mir an den Lehrertisch herausgetrippelt und dann steht er da. Mit seinen 11 Jahren, Lausbubengesicht und Struwelfrisur, eine Rübe wie sie im Buche steht. Aber heute steht er anders da, Kullertränchen laufen über seine Backen und er streckt mir seine Hand entgegen. Er habe sich im Turnunterricht verletzt und nun ist der Finger gaaaaaaaaaaaanz geschwollen (und fällt bestimmt ab) und es tut füüüüürchterlich weh.

Ich streck ihm meine Hände entgegen und er legt seine Hände irgendwie vertauensvoll in meine. Ich halt die kleinen Kinderhände einfach mal ein wenig, während ich nachdenke, was wir tun. Ich schau ihm ins Gesicht und merk, die Tränchen versiegen und er schluchzt nur noch ein klein wenig vor sich hin. Also halt ich seine Hände  einfach weiterhin in meiner Hand, leg meine zweite obenauf.  Es tut schon nicht mehr ganz so weh, sagt er. Ich biete ihm noch an, ihm dann schnell ein Kältepack zu holen. Ein „mhm“ mit vorgeschobener Unterlippe samt unterstützendem Kopfnicken drückt seine Zustimmung aus. Ich schau ihm dabei nochmal ins Kindergesicht und merk, das ist wieder einer dieser Momente, an denen ich so ganz gänsehautmäßig spür, wie gern ich „meine“ Kinder doch hab und wie sehr mir ihr Wohlbefinden am Herzen liegt. Ich teste vorsichtig, ob er seinen tatsächlich leicht geschwollenen kleinen Finger abbiegen kann.  Soweit alles halbwegs okay. Ich schick ihn auf seinen Platz zurück, bitte die anderen Schüler leise zu sein und rase schnell ein Stockwerk tiefer, um ein Kältepack aufzutreiben.  Ich wickle es in ein Tuch, leg es ihm auf den Tisch und sag,“schau, da kannst du deine Pfote drauflegen“. Er lächelt mich an. Die Kälte tut ihm gut und wir können den Unterricht fortsetzen. Am Ende der Stunde kommt er und bringt mir den Kältepack zurück. Ich frag, wie’s seinem Finger geht. In seiner Lausbubenmanier lächelt er mich nun wieder an und meint: „Ah, den Nachmittag werd ich schon irgendwie überstehen, alles halb so wild.“  Dann geht er zurück, packt seine Sachen für die Mittagspause, blödelt wiede rmit Mitschülern rum und will aus der Klasse rausgehen. In der Tür dreht er sich nochmal um, strahlt mich übers ganze Gesicht an und flüstert: Danke, Frau Lehrerin.  Das sind die Momente, in denen man allen Ärger am Schulsystem vergisst und nur dankbar ist, dass man Augenblicke wie diese erleben darf. 🙂

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