Monatsarchiv: Februar 2012

Kinderseelen versus Schulsystem

Heute gab’s wieder dicke Tränen. Tränen, die ich am liebsten mitgeheult hätt, weil es mir selber so an die Nieren geht, wenn ich einem Kind Kummer mach, nur weil das Schulsystem „das so vorsieht“.

Aber mal von vorne: Wir sind in der seltenen Situation, in der ersten Klasse Drillinge zu haben. Drei wirklich bezaubernde Buben, 10 Jahre alt, sehen sich total ähnlich sind aber Gott sei Dank nicht eineiig (weil ich da nie eine Chance hätt, die zu unterscheiden, schaff ich bei Zwillingen schon kaum….) sehr engagierte Eltern (übrigens eine türkische Familie – nur um mal gegen Vorurteile auch gleich anzugehen- ja, es gibt türkische Familien, die unglaublich engagiert sind). Die Buben sind auch immer irgendwie gleich angezogen und schauen wirklich zum Fressen süß aus. Genauso sind sie auch von ihrem Wesen. Lausbuben, die aber so herzlichen  Charme haben und ein entwaffnendes Lächeln sowieso.

Nun, die drei sind in ihrer Entwicklung ein wenig unterschiedlich. Der Bub, um den es heut hier geht, ist der jüngst der Drillinge und war auch der kleinste und am schwächsten entwickelte bei der Geburt.  Und genau das wird ihm nun ein wenig zum Verhängnis, weil sich bei ihm eine schwerwiegende Lese_Rechtschreibschwäche eingestellt hat und er sich auch so sehr schwer tut in punkto Konzentration und Merkfähigkeit. Dagegen kann man was tun. Das Schulsystem sieht vor, diesen Kindern einen sogenannten „Sonderpädagogischen Förderbedarf“ zuzuerkennen. Das würde bedeuten, dass er in bestimmten Fächern aufgrund der Lernschwäche anders beurteilt wird bzw. er in manchen Gegenständen eine eigene Lehrkraft (zumindest für manche Stunden) als Unterstützung zur Seite gestellt bekommt. Natürlich ist das ziemlich aufwendig und ein Riesenprozedere. Da muss man Testungen durchführen, Berichte und Gutachten verfassen und so weiter und so fort.  Das wär alles ja machbar und wenn’s dem Kind hilft, bitte gerne. Aber der Hammer kommt nun. Damit diese Lern – und Entwicklungsschwäche anerkannt wird, bzw. man diese Testungen machen kann und diesen Sonderpädagogischen Förderbedarf erst mal beantragen darf, MUSS  das Kind in den Gegenständen Negativ beurteilt werden. Das betrifft in den meisten Fällen Mathematik, Deutsch und Englisch.

So, jetzt hab ich ein Kind da, dass sich seiner Defizite sehr wohl bewusst ist und darunter leidet. Er möcht gern so gut sein, wie seine beiden Brüder und plagt sich unendlich oder versucht auszublenden, dass er einfach hinterher hinkt. Es frustriert ihn und er ist jedesmal wieder schrecklich enttäuscht, wenn ihm etwas nicht so gut gelingt oder er wieder viele Fehler gemacht hat. An seinen Augen sieht man, wie traurig ihn das macht und wie er damit kämpft. Und vor allem, er kann nicht verstehen, warum seinen beiden Brüdern (und vielen anderen Mitschülern) das alles so leicht gelingt und ihm scheinbar so gar nix gelingen mag.

Mich betriffts im Fach Englisch. Ich versuch immer wieder, ihm kleine Erfolgserlebnisse zu verschaffen, ich lob ihn und schummel ein klein bisschen im Hintergrund (im Sinne von Soufflieren) damit er auch richtige Antworten gibt. Er freut sich, er lacht. Er ist nun in einer Gruppe mit den leistungsschwächeren Schülern seines Jahrgangs. (in Österreichischen Pflichtschulen gibt es in den Gegenständen Mathematik, Deutsch und Englisch  leistungsdifferenzierten Unterricht) Er merkt, auch andere tun sich schwer. Das tut ihm gut. Und jetzt kommt das erste Semesterzeugnis in der Hauptschule für ihn. Wenn ich seine Mitarbeit und sein Bemühen natürlich mitbeurteile, dann wäre das aktuell Grund genug für zumindest ein Genügend.  Alle Kinder sind neugierig auf ihre Noten und fragen einem Löcher in den Bauch. Natürlich erfahren sie ihre Noten, die sind ja kein Geheimnis.  Und dann kommt der Moment, wo dieser kleine Bub mich um seine Note fragt und dann ist es an mir, ihm erklären zu müssen, dass er ein Nicht Genügend, einen Fünfer bekommt, bekommen muss, damit wir ihm in Hinkunft besser helfen können.

Das versteht ein Bub in dem Alter aber so nicht. Er hört nur, dass er in 3 Gegenständen ein Nicht Genügend bekommt obwohl er sich doch eh so abmüht. Er denkt an seine Brüder, die viel bessere Noten bekommen. Er denkt an seine Eltern und er schämt sich. Er senkt den Kopf, um seine Tränen vor mir zu verbergen. Unaufhaltsam kullern die aber über seine Wangen, mir is selber schon zum heulen. Wie kann ich ihn trösten….

Ich sag, er soll mal her zu mir kommen. Wir sind natürlich schon längst allein in der Klasse. Solche Hiobsbotschaften verkünd ich ja nicht vor versammelter Mannschaft. Er kommt bedrückt weiter her zu mir und schwupp, sitzt er auch schon auf meinem Knie und lehnt seinen Kopf an meine Schulter und heult was das Zeug hält. Hm, naja, so war das ja eigentlich nicht geplant, aber nun sitzt er schon mal da, also soll er den Trost und die Umarmung bekommen,wenn’s ihm in dem Augenblick gut tut. Ich versuch leise mit ihm zu reden, versuch ihm zu erklären, warum diese Noten sein müssen, was wir tun wollen, damit es ihm in Zukunft in der Schule besser geht und dass es leider sein muss, das doofe Ding mit den Fünfern. Ich erklär ihm, dass das halt auch nicht einfach ist, wenn man zu dritt im Bauch von der Mamma ist, dass man da ganz schön um seinen Platz kämpfen muss und dass er da eben so viel Energie gebraucht hat zum Kämpfen, dass ihm jetzt ein bissl davon fehlt. Er beginnt zu lächeln und sagt: Stimmt, ich kann kämpfen.

Ja, der kleine Mann ist wirklich ein Kämpfer. Ein unglaublich liebenswerter sogar. Und ich hoff und wünsch mir aus ganzem Herzen, dass er den Kummer über sein Semesterzeugnis bald vergessen kann.

Anmerkung: Wenn ein Kind in einer österreichischen Schule diesen Sonderpädagogischen Förderbedarf zuerkannt bekommt, kann es ihm dennoch passieren, dass die Schulbehörden aus Spargründen nicht genug Lehrerstunden zur Verfügung stellen und die Zweitlehrer, von denen ich weiter oben im Text sprach, dann den Kindern nicht zur Verfügung gestellt werden. Ich bin mir auch fast sicher, dass noch niemand der werten Bildungsexperten, die sich dies Abläufe und Vorgaben einfallen lassen, jemals schon ein heulendes Schulkind auf den Knien sitzen hatte und weiß, wie Bescheiden sich sowas anfühlt. Da hätten wir ihn mal wieder, diesen Unterschied zwischen Theorie und Praxis.  Und warum muss ich (will ich) diesen Förderbedarf beantragen,wenn ich ihn eh mit Genügend beurteilen kann? Weil die Anforderungen immer mehr werden und es im Semesterzeugnis weniger Auswirkungen hat, wenn er negativ ist, als im Schlusszeugnis. Denn dann müsste er zu allem Überfluss auch noch Wiederholungsprüfungen machen und diese bestehen, um gemeinsam mit seinen Brüdern in den nächsten Jahrgang aufzusteigen. Und  das alles zumWohl des Kindes, wie die Damen und Herren in der Politik so gern formulieren. Es ist manchmal wirklich zum aus der Haut fahren……