Monatsarchiv: September 2012

Pauli

Das Regenwetter hat heut einen sehr ruhigen, beschaulichen Tag mit sich gebracht. Aber irgendwann will man halt doch mal raus und so nutze ich eine Regenpause für einen Abstecher ins Ortszentrum. Im Kaffeehaus geht’s rund, zwei Autobusse voller Senioren landen hier – aus Salzburg und aus Vorarlberg (ein wenig frag ich mich ja schon, was die hierher führt, aber ich weiß schon, die Lebkuchen sinds… googelt einfach mal Kastner Lebkuchen, dann is alles klar) Nun gut, ich beschließ noch eine Runde zu bummeln. Wobei, das is hier schnell erledigt, hier gibt’s eine Apotheke, eine Buchhandlung, zwei Schuhgeschäfte, Billa, Bipa, Blumenladen, Sportgeschäft, Schmuckladen und den „Hole City Store“ (wow, und das hier….). In letzteren begeb ich mich hinein – angezogen von den schick angezogenen Schaufensterpuppen und den schönen Herbstfarben. Ein überraschend nettes Geschäft, ich schau mich ein wenig um und nehm dabei irritiert das heftige Schluchzen eines Kindes wahr. Das Schluchzen wird nicht weniger und so schau ich mich (neugierig, zugegeben…) um. Da steht mitten im Laden ein kleiner ca. 3 – 4 jähriger Bub und heult was das Zeug hält. Kein zorniges Bitzeln sondern ein ganz verzweifeltes Schluchzen. Was mich irritiert sind die relativ vielen Damen, die herumstehen und den Bub anschauen aber offensichtlich keine Mamma dabei und auch niemand, der sich irgendwie um den Buben annehmen will. Seltsam. Der kleine Knülchi steht da ganz starr mitten im Laden und heult.
So, ich halt das nicht mehr aus – geh mal hin zu dem Kleinen und knie mich zu ihm runter… Frag mal nach, was los ist…da kommt nix außer Schluchzen. Ich frag nach der Mamma, da wird das Schluchzen noch viel heftiger und meine Schulter is schon ganz durchnässt von den Tränen des kleinen Mannes. Mir dämmert, dass da eine Mamma verloren gegangen ist. Ich frag ihn, wie er heißt. Pauli.
Und ich frag, ob er die Mamma verloren hat. Er nickt. Hm. was nun tun… Ich geh mit ihm zu einer der älteren Angestellten – vielleicht kennen die ihn ja, ich bin ja nicht von hier. Schildere die Situation und bekomme ein knappes „Mei, das is aber blöd“ zur Antwort und sie dreht sich wieder um. Im ersten Moment mal bin ich sprachlos. So lass ich die jetzt aber nicht davonkommen. Ich also mit Pauli ihr hinterher. Wir müssen die Mamma finden. Sie sagt dann, naja, es gibt ja noch ein Stockwerk – vielleicht ist die da oben.Aber er (der Bub) soll erst mal seine Finger aus dem Mund nehmen sonst wird ihm schlecht auch noch und das könnten wir heut grad noch brauchen….. da erst seh ich die Treppe… also nix wie rauf und tatsächlich, das Heulen wird noch viel viel lauter aber diesmal wohl aus Erleichterung, denn da steht die vermisste Mamma und is total verblüfft, weil sie den kleinen Pauli samt seinem größeren Bruder bei den Spielsachen wähnte. Na, Hauptsache, alles is wieder gut, die Mamma is dankbar, der Pauli is froh und ich geh wieder runter und verlass das Geschäft. Im Rausgehen nehm ich noch wahr, wie ein paar Damen beisammen stehen und eine von ihnen sagt: Das hab ich mir eh gleich gedacht, dass der die Mutter verloren hat.

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Teardrops

Der Linzer Mariendom ist ein Gebäude, das mich schon immer fasziniert. Eienrseits diese unglaubliche Größe andererseits die Atmosphäre, die drinnen herrscht. Dieses bergende Halbdunkel, die wunderbaren Glasfenster und die Raumdimension. Ich kenn den Dom ganz gut, von der Krypta bis hinauf zu den Glocken im Turm, vom „Dachboden“ bis hin zum Weg, außen am Dach entlang, vom Ruhepol (ein ganz besonderer Raum) bis zur Orgel. Ich entdeck immer wieder neue Winkel und kehr gern zu den mir schon bekannten zurück, einfach, weil ich ihn mag, den Dom und seine Seele.
Gestern kam noch etwas hinzu – eine Klanginstallation im Rahmen der Ars Electronica 2012.

Ich betret den Dom am Nachmittag, weil ich eine kurze Pause brauch nach all der Hektik in der Stadt…der Dom ist mir da immer willkommene Oase…ich geh hinein und werd sofort eingehüllt in Klänge. Es dauert ein wenig, bis ich realisiere, wo die herkommen, bzw. was hier los ist. Ein unglaublicher Klangraum… Töne, Klänge und kleine Melodien, die Herz und Seele berühren. Fasziniert von den Dimensionen, die sich eröffnen, durchschreite ich bewusst den Dom… dreh meine Runde und bin völlig perplex, dass dieser Klang mich permanent umgibt und wie warmer Regen auf mich herabfällt und mich einhüllt. Irgendwie ändert er die Richtung nie, obwohl ich meine Positionen verändere, es fallen immer warme, weiche, sanfte Töne auf mich herab und hüllen mich ein… Ich werde ruhig und setze mich in eine Bank…. könnte stundenlang so bleiben und in diesem Raumklang versinken. Vorne vor dem Hauptaltar steht ein Klavier, ein COmputer und viele Kabel…von da aus kommt also die Musik..
Ich bin berührt, als ich den Titel der Klanginstallation erfrage: „Teardrops“ von Rupert Huber.
Der Komponist beschreibt seine Intention zu dem Projekt :
Darauf sei er gekommen, weil viele Menschen bewegt von Freude oder Trauer eine Kirche aufsuchen, diese Gefühle dürfe man aber in unserer Gesellschaft nicht so offen zeigen. Oft ist es ein einziger Ton und dessen Nachhall, manchmal ist eine kleine Melodie zu erkennen, ganz selten wird es ein wenig lauter. Nicht gänzlich vertraut, aber auch nicht völlig fremd sind die Laute. Es sind bittersüße Tränen, auch Melancholie liegt in der Luft, Schwermut und Trost, immer eingebettet in die Harmonie von Klang und Raum.

und wahrlich, genau das empfindet man beim Hören und ich bin beeindruckt, wie sehr es ihm gelungen ist, Emotionen in so unglaubliche Klänge zu verwandeln.

Höhepunkt soll das Konzert um 23 Uhr sein….. Da ich von dem Projekt so beeindruckt bin, entschließe ich mich, in der Nacht nochmal nach Linz zu fahren. Um 22.30 betrete ich den Dom, der von Außen ganz dunkel wirkt. Innen drinnen warmes Licht, Halbdunkel und quasi ein freudiges Lächeln des Doms. Aber leider auch: unglaublich viele Menschen….
Menschen, die hereinstürmen in Gruppen, zu zweit, allein…auf der Suche nach dem großen Event, denn immerhin war ja grad auch die Klangwolke, mit Riesenfeuerwerken und allem drum und dran…

Die Bankreihen füllen sich, man hat das Gefühl, dass viele sich denken, naja, vielleicht wird das Konzert ja noch lauter….. Mich irritiert das Gemurmel, die vielen Menschen, die mit ihren Weingläsern direkt aus der Altstadt (von Wein und Kunst) in den Dom kommen und auf der Suche nach dem Event sind…. Rupert Huber setzt sich mit ein wenig Verspätung ans Klavier und beginnt nun live zu spielen, Klaviertöne, die in Echtzeit verfremdet werden und über Noise Gates den Raum erfüllen. Feine Klänge, leise Klänge… es dauert, bis es endlich ruhiger wird… ich atme auf, weil ich mir denke, endlich….sie haben’s geschnallt, die sanften Klänge sind’s, um die es geht… meine Freude währt nicht lange… nach gut 20 Minuten wird’s wieder unruhiger, die ersten stehen auf und gehen… der erwartete Megaevent findet wohl nicht statt….

Aber da sind auch Menschen, die sich ihren Platz in den Gängen gesucht haben, sich einfach auf den Boden legen und sich von der Musik einhüllen lasse. Ich entscheid mich endlich auch meinen Platz in der Bank zu verlassen… ich geh durch den Dom. Langsam, bewusst.Schritt für Schritt. Bin froh zu wissen, dass es hinter dem Kreuz (des Hauptaltares) nicht zu Ende ist, sondern dass es dort weiter geht, dass dort Raum ist. Und tatsächlich, dort sind nur 2, 3 Menschen…. die Tausenden, die in den Bänken sitzen, kann man von hier aus nicht sehen und ihr Gemurmel nicht hören.
Ich setze mich auf eine Stufe und lehn mich an eine Säule. Der Dom umarmt mich sanft und die Musik trägt mich fort… Weite Gedankenreisen in wunderbar geschenkter Geborgenheit. Ich atme die Klänge ein und nehm sie in mich auf… ich werde Eins mit dem Klang und dem Dom…. Ruhe. Unendliche Ruhe durchströmt mich.

Applaus holt mich zurück… das Konzert ist beendet, die Klaviertöne verstummen und die dunklen, leisen Klänge der Orgel verebben ebenso… die Menschen verlassen den Dom,stürmen hinaus, ich bin froh, noch hier im geschützten Winkel zu sein. Ich nehm wahr, dass auch die paar anderen Menschen, die hier ihren Platz gefunden haben, noch verharren. Wortlose Übereinstimmung, man kann nicht einfach hinausstürmen sondern man nimmt dankbar wahr und geht Schritt für Schritt, gut geerdet und verbunden mit dem Oben und Unten durch den Dom zum Ausgang, wir sind die letzten und wir sind dankbar dafür.

Ein Lächeln und jeder geht seiner Wege. Hinein in die Nacht.
Nur der Dom, er bleibt. Beständig, bergend und erwartend… wir sehen uns wieder….