Angst

Eigentlich wollt ich nur noch kurz im Bio Supermarkt einkaufen gehen. Also am Heimweg noch schnell Zwischenstopp, erfreulicherweise sofort Parkplatz, Auto in der Seitengasse zum Geschäft abstellen, das Parkticket gilt noch, Handtasche schnappen, aussteigen, Auto versperren, die Straße überqueren und Richtung Geschäft eilen. An einem Gebäude vorbei, in dem am Eck ein kleines Lokal ist. Eine Gruppe Männer steht in der Tür, einer der Männer wird herausgedrängt und angepöbelt,  der  Mann fällt  hin,  ich erschrecke und erstarre gleichzeitig. Ich sollte schnell weitergehen. Die anderen Männer kommen heraus, der Mann steht wieder auf, ein zweiter geht  total provokant auf ihn zu, er ist ihm um Häuser überlegen, der schwächere Mann zuckt zusammen…eigentlich müsste ich etwas sagen, etwas tun, denn der Typ geht auf den Gestrauchelten zu und verpasst ihm eine schallende Ohrfeige, einfach so, wortlos…seine Brille fliegt in hohem Bogen davon, ihm bleibt offensichtlich die Luft weg , er geht nochmal in die Knie und auch er hat offensichtlich Angst. Ich kann nichts sagen, nicht „Stopp“ schreien oder „hört auf“ weil ich selber Angst habe und eigentlich möcht ich nur ganz schnell weiterlaufen. Ich zwinge mich stehen zu bleiben und hinzuschauen. Vor allem auf die umstehenden Männer, die wortlos zuschauen. Endlich nimmt mich einer von denen wahr, schaut mich an, ich schau nicht weg. Er spricht mit einem anderen Mann, die beiden gehen zu dem Schlägertypen hin und halten ihn zurück. Ich gehe weiter mit butterweichen Knien. Ich kaufe ein und gäbe etwas darum, nicht wieder an dem Ecklokal vorbeizumüssen aber selbst wenn ich das Gebäude anders umrunde, komm ich dort wieder vorbei, denn mein Auto parkt ja gegenüber. Ich gehe also zum Auto und stelle überrascht fest, dass in und vor dem Lokal weit und breit kein Mensch mehr zu sehen ist. Offensichtlich haben sich alle eines besseren besonnen und sind gegangen. Ich hoffe es. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht, vor allem, weil ich wahrgenommen habe, dass ich mich nicht getraut habe, etwas zu sagen, obwohl jemand unmittelbar vor meinen Augen zusammengeschlagen wurde. Ich weiß nicht, was der Szene vorangegangen ist, aber das was ich gesehen habe, war ein wesentlich Schwächerer gegen einen wesentlich Stärkeren, das war einer, über den man sich lustig machte, den man anpöbelte und der dann zum Opfer wurde, der zu Boden geht, sich wieder aufrappelt und auf den der Stärkere wieder zugeht, um  mit offensichtlicher Lust in den Augen wieder auf ihn einzuschlagen. Der Mann hat nicht aufgebracht oder wütend gewirkt sondern man hat ihm angesehen, dass er die Angst  und Unterlegenheit des anderen sichtlich genossen hatte und ihm zeigen wollte, wer der Stärkere ist. Die Lust in den Augen des einen während er zuschlägt. Das hat mich zutiefst erschüttert. Die Angst, die ich empfunden habe und die mich beinahe weitergehen lies, hat mich ebenfalls erschüttert. Vorbeigehen und so tun, als hätte niemand etwas gesehen. Immerhin hab ich es geschafft, stehen zu bleiben und hinzusehen und die anderen wurden dadurch aufmerksam, und haben wahrgenommen, dass sie nicht unbeobachtet sind.  Ach ja, es waren natürlich Ausländer dabei, eh klar. Zumindest einer davon war einer. Nämlich der, der zu Boden ging. Der mit der Lust in den Augen war Österreicher, denn so akzentfreien oberösterreichischen Dialekt dürfte jemand mit Migrationshintergrund wohl nicht hinbekommen.

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Über borsetta

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2 responses to “Angst

  • mandarine

    Manchmal überrascht es einen selber, wie man reagiert. Weil man es sich so nicht gedacht hätte.
    Stehenbleiben und nicht wegsehen war das, was möglich war, ohne sich selber in nicht erahnbare Gefahr zu begeben. Und es hat geholfen – das ist der letztlich gute Teil an dem Geschehnis.

    • borsetta

      danke, liebe mandarine,
      ja, manchmal überrascht man sich selber und letztlich stimmt’s – stehenbleiben und hinsehen war vielleicht ohnehin die bestmögliche Reaktion….

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