Monatsarchiv: März 2015

Schulleiterinnenglücksgedanken

Krankenstände bringen es so mit sich, dass man relativ viel Zeit zum Nachdenken hat. So war das auch bei mir in den letzten Tagen. Nicht, dass ich nicht selber genug Stoff hätt, um den meine Gedanken kreisen könnten, aber die letzten Tage hat Schule mich mal wieder sehr beschäftigt. Schule und Schule leiten. Was mich zu diesem Nachdenken brachte, war diese furchtbare, unfassbare Tragödie des Flugzeugabsturzes der Germanwings Maschine über Frankreich und die traurige Tatsache, dass dabei auch eine Schüler/innengruppe mit ihren beiden Lehrerinnen ums Leben kamen. Meine Gedanken waren ganz viel bei dem Schulleiterkollegen in Deutschland, den ich natürlich nicht persönlich kenne, aber dessen Beruf mir so vertraut ist und ich maße mir an zu sagen, dessen Denken mir ein wenig vertraut ist. Über den Alptraum, den er persönlich als Leiter der Schule erlebt, mag ich gar kein Wort verlieren (und bitte nicht missverstehen, ich vergleiche hier keine Alpträume, all dem kann man angesichts der Unfassbarkeit der Tragödie sowieso nicht gerecht werden…)
Aber dennoch lässt die Frage mich nicht los, was braucht eine Schulgemeinschaft, um so ein Unglück gemeinsam tragen zu können.

Seit drei Jahren nun leite ich also eine Schule. Ich bin verantwortlich für…. naja kurzgesagt für fast alles, für Stundenpläne, Diensteinteilungen, Personalentwicklung, Budgets, Abrechnungen, Einkäufe, Gebäude Instandhaltung, Schulentwicklung und und und. Manchmal fordert der Job total, manchmal überfordert er auch und die Bürokratie verschlingt mich, dann gäbe ich ein Königreich für ein Sekretariat, für einen Administrator etc. Aber Gott sei Dank gibt es jede Menge anderer Tage….. Ich mach meinen Job unglaublich gerne, ich fühl mich verantwortlich für eine gute Lern- und Arbeitsatmosphäre für die 300 Kinder und meine 30 Kollegen. Ich fühl mich gemeinsam mit den beiden anderen Leiterkollegen verantwortlich für eine gute Atmosphäre am ganzen Campus – das sind dann in etwa 1000 Kinder und Jugendliche und in etwa 130 Mitarbeiter/innen (inklusive Hortpädagoginnen, Reinigungszauberfeen, unersetzbarem Hausmeister etc)
Ich leg mein Herzblut in diese Arbeit, bilde mich weiter, informiere mich, habe immer eine offene Tür, will da sein, hellhörig sein, will zuhören, trösten, planen, verändern, neue Wege beschreiten, Entwicklungen fördern und dafür Sorgen, dass Kinder in vier Jahren an unserer Schule jede Menge positive Erfahrungen machen und lernen, dass es okay ist, so zu sein, wie man eben ist, ob mit oder ohne handicap, Migrationshintergrund, Sommersprossen etc.
Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen das System „Schule und Bildung in Österreich“ mich lähmt und ich große Zweifel habe an dem, was ich tue.
Und dann gibt es Tage wie heute. Um 11 Uhr hat sich heute die ganze Rasselbande bei uns im Festsaal zur ersten Schulversammlung getroffen. Und da sitz ich dann so auf den obersten Stufen zur Bühne und schau auf 300 lachende Kindergesichter, die vor mir auf dem Boden sitzen und merke, wie ich kurz um Fassung ringe, weil der Gedanke „das sind alles ‚meine'“ mich total berührt. Und ich sag zu den Kindern, wie gern ich dieses Bild mag und dass es schön ist, sagen zu dürfen „alles meine“ …..und sie jubeln und applaudieren….. Wir laden die Geburtstagskinder des Monat März ein, aufzustehen und singen ein „Wie schön, dass du geboren bist“ und es freuen sich die großen und die kleinen Geburtstagskinder. Wir laden ein zu einer Lobrunde, Lehrer/innen loben Schüler dafür, dass sie ihnen was erklärt haben im Bereich Technik, oder dass sie bei der Durchführung von Schulveranstaltungen so tatkräftig mithalfen. Schüler/innen loben andere Schüler/innen für Unterstützung, für gemeinsame Projekte, Schüler/innen loben eine Lehrerin, die spontan eingesprungen ist und somit eine Schulveranstaltung gerettet hat und und und…… Und dann singen 72 Erstklassler für uns alle noch ein Lied. „Freunde, wie wir….“ ….. Und dann schicken wir sie alle in die Ferien, der Festsaal leert sich, es wird wieder still, ich bleib noch ein Moment auf der Bühne sitzen. Ein Kollege geht vorbei und sagt: „Gut, dass du wieder da bist.“

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Abgrundtief

Ich wage mich vor
an den abgrund meiner seele
und blicke hinunter
in das schier endlose dunkel.

ich konzentriere meinen blick
und durchdringe die nacht.
Ich begegne dem fremden,
das dennoch ein teil von mir ist.

ich erkenne
meine wut, meine ohnmacht und
auch meinen hass.
sie kauern unsicher und zerzaust
in der hintersten ecke
des dunkels.

lange bleibe ich stehen und betrachte
stumm, was diese grenze mir zeigt.
doch ich laufe nicht weg,
ich beuge mich tief und reiche die hand
meiner wut, meiner ohnmacht und auch dem hass.

sie kommen zaghaft nach vorne und treten
ins licht. sie verlieren ihren schrecken
und ich nehme sie an.
ungern, aber bewusst und wissend,
dass sie vervollkommnen die, die ich bin.

abgrundtief. das dritte wort. [*.txt] http://neonwilderness.net/2015/02/18/das-dritte-wort-txt/

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