Train of Hope Linz

Weil ich es zuhause einfach nicht mehr aushalte, grab ich den Riesenrucksack aus und mach mich auf den Weg zum Bahnhof Linz.
Erster Stopp: die Hoferfiliale im Nachbarort. Ich kaufe jede Menge Hygieneartikel und ernte verwunderte Blicke von Menschen, die an der Kasse anstehen. Die Kassiererin wünscht mir mit auffallend strahlendem Lächeln noch einen wunderschönen Tag.
So, alles gut im Rucksack verstauen und den ins Auto wuchten (ja, auch Zahnpasta und Seife kommen in Summe auf ordentliches Gewicht) und ab nach Linz.

Stau an der Stadteinfahrt…..ah ja….Ars electronica, Klangwolke u d irgendwas Sportliches mit vielen Fans…..naja, ich bin trotzdem überzeugt, hinter dem Ibis einen Parkplatz zu finden und tadaaaaaaaa, einer war noch frei! Rucksack umschnallen und zum Bahnhof rüber traben, runter zur Spendensammelstelle . Da sind erfreulicherweise jede Menge Leute und alles ist super organisiert, es gibt beschriftete Schachteln oder Plätze, wo man die mitgebrachten Sachen einsortieren kann. Während ich den Rucksack leere, packen zeitgleich unzählige fleißige Hände diverse Sackerl….Hygienepakete, Essenspakete, Babypakete (da kommt auch ein Kuscheltier rein…), Einkaufswägen voll mit Wasser….
Fleißige Helfer transportieren die fertigen Pakete auf den Bahnsteig. Gleis 5 und 6.

Ich schnapp mir auch a Schachtel und folge der kleinen Karawane.

Am Bahnsteig sind Versorgungsinseln, die alle mit den diversen Paketen ausgerüstet sind und mit Menschen, die sich drum kümmern und auf die nächsten Züge warten.
Ich geselle mich zu einer eher spärlich besetzten solchen Insel. „b6“
Ein junger Mann, eine junge Frau, eine Frau in meinem Alter (also noch eine junge *hust*), eine ältere Dame und ich. Wir verstehen uns alle auf Anhieb und reden und diskutieren über die Menschen, die auf der Flucht sind…..was geht in ihren Köpfen vor, was müssen sie alles verarbeiten, wie geht es ihnen, was wird uns erwarten…..

Ein Zug wird angkündigt….wir schnappen Sackerl, sprechen ab, wer in den Zug reingeht und wer heraußen bleibt um Türen offen zu halten, damit niemand von den Helfern unabsichtlich mitfahren muss….

In den Zügen viele Menschen. Reisende und Flüchtlinge. Reisende, die aussteigen informieren, wo Flüchtlinge etwas brauchen könnten, niemand ist ungehalten, niemand regt sich auf, alles passiert erstaunlich flott und ruhig. Die flüchtenden Menschen sind vorsichtig und scheu aber letztlich immer wieder unglaublich dankbar für die Hilfe.

Es braucht nicht viele Worte. Gesten reichen völlig aus. Und ein Lächeln und manchmal auch Tränen auf beiden Seiten.

Der nächste Zug ein Sonderzug. Die Ansage: Zug fährt durch. Wir werden aber informiert, dass der Zug trotzdem halten wird. Wir packen alles mögliche in den Zug, Flüchtlinge helfen im Zug beim verteilen, junge Migranten übersetzen, helfen beherzt mit, was nicht gebraucht wird, wird wieder herausgereicht. Niemand bunkert oder bereichert sich. Der Zug steht locker 10 Minuten, kein Stress. Ein Schaffner erzählt, wie lange er schon arbeitet….72 stunden, es ist aber kein Thema für ihn und er ist immer noch freundlich und lächelt.
Der Zug fährt ab, wir applaudieren, jubeln den Flüchtlingen zu und winken….und die Flüchtlinge in den Zügen winken, lachen, weinen, legen ihre Hand aufs Herz, werfen Küsschen und wir stehen am Bahnsteig und lachen und weinen mit.

Vom Spendensammelpunkt kommt wieder Nachschub mit vielen Helfern auf den Bahnsteig, die Inseln werden wieder aufgefüllt. Wir warten auf den nächsten Zug, plaudern, lachen, rauchen eine Zigarette…..ein junger Mann neben uns, lange Haare, Lederkluft, ordentliche beats umghängt, schwere Stiefel hört uns zu, raucht eine und wendet sich plötzlich an uns. „Ich hab hier zwar nichts hergebracht, aber kann ich mich zumindest finanziell beteiligen?“ Er kramt einige Euromünzen raus und drückt sie einer Helferin in die Hand, die strahlt und sagt „ich renn sofort runter und kauf „quetschsaftl“ (kleine Tetrapacks mit Säften) “ und schon rennt sie los….der junge Mann fragt, ib er helfen kann und wir bieten an, dass er Packerl mit in den Zug nimmt und verteilt. Der Zug fährt ein, der junge Mann steigt ein, wir gehen auch durch und beim Aussteigen bringt der junge Mann schnell nochmal zurück, was er nicht verteilen konntw, springt wieder in den Zug, dreht sich um und ruft noch ein „Danke für euer Engagement“ raus.

Wir warten auf den nächsten Zug.
Neben uns zwei junge Burschen. Cool guys mit Gitarren und Mütze und Hut. Einer wendet sich zu uns und fragt in kuhlstem amerikanischem Englisch, ob sie was in den Zug mitnehmen dürften, sie würden das auch gern verteilen. Die beiden sind seit ein paar Wochen schon auf Reisen, vorwiegend durch Osteuropa und jetzt via Frankfurt auf dem Weg nach Amsterdam. Sie sind beeindruckt, sagen sie. Der Zug kommt, wir steigen wieder ein…..

Die Inseln werden wieder aufgefüllt.
Dazwischen immer wieder freundliches Zugpersonal auch am Bahnsteig, sichtlich müde aber verständnisvoll und geduldig, wenn die Helfer nicht schnell genug wieder aus den Zügen heraußen sind. Auch Westbahnmitarbeiter/innen helfen mit. informieren in welchen Wägen Flüchtlinge sitzen oder fragen um Essenspakete, die sie selber verteilen.

Das Rote Kreuz ist zwischendurch immer wieder da, ebenso die Polizei. Aber die schauen immer nur kurz vorbei, alles geht ruhig und gut organisiert ab, was angesichts der Tatsache, dass sich diese Hilfe quasi aus dem Nichts formiert hat, unglaublich ist.

Der nächste Zug kommt, diesmal nur wenige Flüchtlinge.dennoch, die Inseln werden wieder aufgeräumt und gecheckt und Helfer bringen gegebenenfalls den benötigten Nachschub. Die Inseln sind voll.

Wir warten auf den nächsten Zug.

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