Monatsarchiv: Juni 2017

Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss oder wie man Steine aus dem Weg räumt.

In unserem Haus gibt es im WRG eine sogenannte Übergangsklasse für Asylwerber.  Nach Abschluss dieser Klasse sind die jungen Menschen berechtigt, an einer Neuen Mittelschule extern die Pflichtschulabschlussprüfungen zu absolvieren.  Jeder von ihnen am eigenen Wohnort, also in einer Schule, die vielleicht keine Ahnung hat, was in dem Jahr alles unterrichtet und gelehrt wurde.

Die Bürokratie, die für uns Schulleiter/innen damit verbunden ist, ist enorm. Die Entlohnung ein Hohn (ich bekomme pro Prüfungsvorsitz 1 €, jeder Jugendliche muss insgesamt 6 Teilprüfungen ablegen). Den unterrichtenden Kolleg/innen in diesen Übergangsstufen hat man erst zu Ende des Jahres mitgeteilt, dass die Prüfungsfächer z.B nicht Deutsch sondern „Deutsch und Geschichte“ oder nicht Englisch sondern „Englisch und Globalität, Transkulturalität“ (also Geografie im Weitesten) heißen.

Wenn man in so einer Dienstbesprechung sitzt, wo einem das Prozedere erläutert wird, beschleicht einen das Gefühl, dass man es jungen Menschen extra schwer machen will, bei uns Fuß zu fassen -aber das ist natürlich nur eine sehr, sehr subjektive Wahrnehmung meinerseits.

Nun, wir haben uns entschlossen, den jungen Menschen in unserem Haus entgegen zu kommen und ihnen das Angebot zu machen, dass alle (Wohnsitz hin oder her) bei uns die Prüfung ablegen können. Meine Kolleg/innen haben sich bereit erklärt trotz Schulschlussstress noch Berufsorientierung, Deutsch und Mathematikprüfungen zu erstellen und diese noch vor Schulschluss abzuhalten. Englisch und die Wahlfächer kommen im Herbst.

9 junge Burschen/Männer haben die Zulassungsbedingungen erfüllt. Heute um 13 Uhr begannen die ersten Prüfungen.

Montag, 26.06.2017, 13:00 – ich stehe in einem schön vorbereiteten Prüfungsraum, vor mir sitzen die 2 Prüfenden Kolleginnen, mir gegenüber 9 aufgeregte junge Männer, alle förmlich in dunkler Hose und hellem Hemd gekleidet und unglaublich nervös. Ihre beiden Klassenvorständinnen begleiten sie, genauso wie mein Kollege, der Direktor des WRG.

Ich begrüße alle, eröffne die Prüfungen und sage noch, dass wir großen Respekt vor den Leistungen der jungen Menschen haben und dass sie nicht nervös sein brauchen (ja eh, leichter gesagt, als getan…)

Noch bevor ich weiter reden kann, steht einer von den jungen Männern auf und sagt:  Frau Direktor, wir sagen danke, dass Sie uns ermöglichen, die Prüfungen hier gemeinsam zu machen.

Wir bitten den ersten Kandidaten heraus.  Präsentation Portfolio Berufsorientierung – deine Lebensgeschichte, deine beruflichen Ziele.

Taha ist 19 Jahre alt und beginnt seine Geschichte zu erzählen. Er ist top vorbereitet, hat eine tolle Präsentation zusammengestellt und spricht frei in wirklich schönem Deutsch. Taha lernt seit 1,5 Jahren Deutsch und allein seine Sprachfertigkeit nach dieser kurzen Zeit beeindruckt mich ungemein.

Als er den Tag beschreibt, an dem er seinen Vater das letzte Mal sah, stockt er und versucht seine Emotionen in Griff zu bekommen. Er versucht vergeblich, seine Tränen zurück zu halten, ich steh auf, geh zu ihm und da ich den Inhalt der Geschichte kenne, beende ich den Satz für ihn. Allerdings auch mit dem vergeblichen Versuch, meine Tränen zurück zu halten. Ich bin nicht die einzige im Raum, der es so geht – wir Erwachsenen sind alle erschüttert von der Fluchtgeschichte.

Ein junger Mann, der auf der Flucht mit einer Familie schreckliche Dinge erlebt hat, bei denen es uns schon schwer fällt zu zuhören, erzählt von seinen Träumen. Er erzählt uns, was er gelernt hat: niemals aufzugeben, für die eigenen Ziele zu kämpfen, die eigenen Familie zu beschützen, zu lernen, zu studieren, um Fuß fassen zu können. Gänsehautmoment.

Taha ist ein Beispiel von vielen jungen Menschen, die wirklich mehr als redlich bemüht sind, ihr bestes zu geben und trotz schrecklicher Umstände, die sie zwangen ihre Heimat zu verlassen, eine positive Zukunft zu gestalten.

Ich kann gar nicht sagen, wieviel Respekt ich vor der Leistung dieser jungen Menschen habe, vor Ihrem Eifer, vor Ihrem Durchhalten und den Bemühungen. Vor der Ernsthaftigkeit und Dankbarkeit mit der sie heute diesen Prüfungsmarathon begonnen haben.

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um diesen jungen Menschen zu ihrem Pflichtschulabschluss zu verhelfen. Und bin einmal mehr entsetzt über all den Hass und die Gewalt, der man in unserer Gesellschaft zum Thema Flucht und Asyl derzeit begegnet.

Wenn uns doch manchmal ein wenig bewusster wäre, was für ein Glück wir haben, in diesem Land Österreich geboren zu sein. Und dass damit keinerlei Leistung verbunden ist, sondern eben einfach nur das Quäntchen Zufall, das Leben oft so unterschiedlich verlaufen lässt.

Tragen wir dazu bei, dass Friede und Verständnis füreinander die Oberhand behalten, dass wir erkennen, dass uns niemand etwas wegnimmt, dass es uns nicht schlechter geht, dass Menschen auf der Flucht keine grundsätzliche Bedrohung sind.

Und nein, ich bin nicht blauäugig. Ich weiß, dass viele Asylwerber sich schwer tun mit Integration, dass nicht alles so läuft, wie wir uns das wünschen würden und dass es viele schwierige Momente gibt. Aber: wir haben die Chance, jenen zu helfen, die sich redlich bemühen, wir können aufhören mit Pauschalverurteilungen und endlich anfangen genauer hinzuschauen statt permanent weg zu schauen.

Von den 9 jungen Männern, die heute zu den Prüfungen angetreten sind, hatten erst 2 ein Interview. Und im Prinzip können alle 9 wieder abgeschoben werden. Und trotzdem lernen und arbeiten sie voller Hoffnung für ihre bessere Zukunft.

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