Monatsarchiv: März 2020

Griechischer Wein

Vor ein paar Tagen hab ich am Schulgelände den Vater einer ehemaligen Schülerin getroffen. Wir sind einander immer noch herzlich verbunden, ich hab die griechische Familie in den Jahren, in denen die Tochter bei uns war, sehr schätzen gelernt. Sie waren neu in Österreich, standen am Anfang und wollten sich eine neue Existenz aufbauen. Mit viel Fleiß haben sie es auch geschafft. Für die Tochter haben sie sich immer engagiert, haben ihre Dankbarkeit über die Möglichkeit, in unsere Schule zu gehen, immer wieder zum Ausdruck gebracht und das was mir besonders hängen geblieben ist, ist, dass der Vater immer gut aufgelegt wirkte und unendlich optimistisch an alles heranging.
Vor ein paar Tagen also diese zufällige Begegnung, er fragt, „ wie geht es, Frau Direktor?“ und ich sag nur kurz, dass wir gerade „Aufnahmestress“ haben.
Das ist für mich persönlich in der Tat eine der anstrengendsten Wochen oder eigentlich wirklich die anstrengendste Woche überhaupt im ganzen Schuljahr. Die Bescheide über Schulplatzzusagen sind bei den Familien angekommen und da wir sehr, sehr viele Anmeldungen haben, müssen wir leider auch immer wieder Familien enttäuschen und können nicht allen einen Schulplatz zuweisen. Viele haben dafür Verständnis, aber es gibt jedes Jahr auch Viele, die via Telefon oder auch persönlich bei mir in der Direktion ihren Frust abladen. Es macht manchmal sprachlos, mit welcher Vehemenz das gemacht wird und vor allem mit welchen Argumenten begründet wird, warum jemandem ein Schulplatz an unserer Privatschule definitiv zustünde und wie unfähig ich bin, weil ich das nicht erkenne. Da tun sich manchmal Abgründe auf, die tief in die österreichische Seele blicken lassen. Passt ein wenig auch zu all den Meldungen über extreme Hamsterkäufe, Diebstahl von Desinfektionsmitteln aus Kliniken und so, weiter und so fort. Daneben die Bilder aus den griechischen Flüchtlingslagern. Es macht mich sprachlos, wenn ich unseren Bundeskanzler mantraartig herunterbeten höre, dass Österreich zu den am meisten belastetsten Ländern der EU zähle und wir daher sicher keine der Kinder (und Frauen) aufnehmen. Wir bunkern Lebensmittel, weil uns ein Virus zu schaffen macht, aber wir haben kein offenes Herz für die Menschen in den Lagern, die dort unter unmenschlichsten Bedingungen leben. Allein der Gedanke, wieviele unbegleitete Kinder dort auch festsitzen, schnürt mir die Luft ab. Aber diese Kinder sind gefährlich für unser Land, denn wenn wir sie hereinlassen hat auch der Rest der Familie Recht auf Nachzug….klar, Eltern machen das aus reiner Berechnung, dass sie ihr 12 jähriges Kind alleine in eine ungewisse Zukunft schicken und nicht mal sicher wissen können, ob ihr Kind überlebt. Es macht mich wütend, wenn man die Augen verschließt und sich bequeme Scheinwahrheiten zurecht legt.

Aber zurück zu meinem griechischen Schülervater. Gestern ruft er an, ob ich heute in der Schule bin, er muss mir was vorbei bringen. Und dann stürmt er heute mittag strahlend in meine Direktion, stellt mir eine große Papiertasche auf den Tisch und sagt „Sie brauchen gutes Essen für gute Laune und deshalb hier Moussaka und ein bisschen Wein für Sie“. Ich bin kurz mal sprachlos. Ja, klar, man kann ihm unterstellen, dass er noch einen kleineren Sohn hat, den er in zwei, drei Jahren auch in unserer Schule unterbringen will und ich weiß, dass das viele auch tun würden. Warum? Weil wir verlernt haben, einander absichtslos Gutes zu tun und sofort eine Absicht hinter solchen Gesten wittern. Tischgemeinschaft. Teilen. Abgeben von dem, was ich hab und mich mit anderen freuen. Wir sollten das wieder einüben.
Die Geste dieses Griechen hat mich tief berührt und fast ein wenig beschämt, seine Freude über meine Freude , während wir die Menschen in Griechenland und in der Türkei im Stich lassen.
Letztlich haben wir einander dann spontan umarmt und ich bin unendlich dankbar für diese Begebenheit.

Und ja, das Essen war herrlich.