Archiv des Autors: borsetta

Über borsetta

Gedanken zum Leben....Gedanken mittten aus dem Leben..... Teilen mit jenen.... die sich die Zeit dafür nehmen.... im Jetzt leben.... genießen und zwischendurch immer wieder einen Espresso trinken....

Familienbande

Es hätte ein großes Fest werden sollen, der 100 er meiner Tante Paula, (die eigentlich die Schwester meines Großvaters war) aber alles kam anders, da sie uns im Jänner verließ.

Meiner Tante war diese Familienzusammenkunft immer sehr wichtig und so haben ihr ihre Enkelinnen das Versprechen gegeben, dass wir auch feiern würden, wenn sie einmal nicht mehr ist. Das Versprechen wurde gehalten und ein Termin vereinbart. Was wir damals bei der Beerdigung meiner Tante alle nicht ahnen konnten, war, dass uns bis zu dem angesetzten Feiertermin noch 3 aus der Familienrunde verlassen würden, darunter leider auch mein Paps.

Und so sind wir heute alle zusammen gekommen mit sehr gemischten Gefühlen, aber jetzt am Abend kann ich auch sagen, dass mich schon lange kein Familienfest mehr so berührt hat, wie das heute.

Wir haben heute gemerkt, dass wir miteinander lachen und weinen können, dass wir füreinander da sind und dass wir Emotionen und Trauer nicht verbergen brauchen. Wann immer eine/r von uns mit den Tränen zu kämpfen hatte, war mindestens ein/e andere/r da, um sie/ihn in den Arm zu nehmen.

Es gab so viele liebevolle Details. Rudi, der Hausherr, hat in seiner Begrüßungsrede schon so liebevoll all derer gedacht, die wir noch so gern bei uns gehabt hätten.

Normalerweise gab es immer ein Schätzspiel. Das gibt es nun nicht mehr, denn die letzten beiden Gewinner waren meine Tante Paula und mein Paps und deshalb sollen die beiden auch in Hinkunft die Nummer eins bleiben.

Wir haben es wie alle Jahre gemacht, gemeinsames Mittagessen, wir „Jungen“ (also die Generation beinahe 50) kümmerten uns dann um Geschirr, Gläser,Abwasch etc…. die Kinder tobten im ersten Stock und hatten Spaß, die Oldies plauderten am Tisch, wir bauten das Buffet ab und den Kuchentisch auf und freuten uns, dass wir es auch dieses Jahr geschafft haben.

Und wie alle Jahre haben wir dann mit Sekt angestoßen auf meine Tante Paula, aber auch auf meinen Paps und die beiden anderen, die fehlen.

Wir ließen bunte Luftballone in den nebelgrauen Himmel steigen, an jedem hing ein guter Gedanke oder Wunsch für die, die nicht mehr hier sind.

Mein Onkel hatte unglaublich liebevoll Fotos der Geburtstagsfeiern der letzten zehn Jahre herausgesucht und als Präsentation zusammengestellt….bei vielen Fotos mussten wir schmunzeln, bei manchen kamen uns die Tränen und doch war es gut, sich gemeinsam zu erinnern.

Meine Tanten haben uns überrascht und die eine hat für jeden einen kleinen Engel gebastelt und die andere für jeden ein Stoffherz genäht, um zu zeigen, wie wichtig ihnen der Tag heut war.

Und wenn einen genau diese Tanten dann beim Abschied fest in den Arm nehmen und ins Ohr flüstern „ich bin so froh, dass es dich gibt“ , dann bin ich dankbar und berührt Teil dieser wunderbaren Familie sein zu dürfen…….

Advertisements

Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss oder wie man Steine aus dem Weg räumt.

In unserem Haus gibt es im WRG eine sogenannte Übergangsklasse für Asylwerber.  Nach Abschluss dieser Klasse sind die jungen Menschen berechtigt, an einer Neuen Mittelschule extern die Pflichtschulabschlussprüfungen zu absolvieren.  Jeder von ihnen am eigenen Wohnort, also in einer Schule, die vielleicht keine Ahnung hat, was in dem Jahr alles unterrichtet und gelehrt wurde.

Die Bürokratie, die für uns Schulleiter/innen damit verbunden ist, ist enorm. Die Entlohnung ein Hohn (ich bekomme pro Prüfungsvorsitz 1 €, jeder Jugendliche muss insgesamt 6 Teilprüfungen ablegen). Den unterrichtenden Kolleg/innen in diesen Übergangsstufen hat man erst zu Ende des Jahres mitgeteilt, dass die Prüfungsfächer z.B nicht Deutsch sondern „Deutsch und Geschichte“ oder nicht Englisch sondern „Englisch und Globalität, Transkulturalität“ (also Geografie im Weitesten) heißen.

Wenn man in so einer Dienstbesprechung sitzt, wo einem das Prozedere erläutert wird, beschleicht einen das Gefühl, dass man es jungen Menschen extra schwer machen will, bei uns Fuß zu fassen -aber das ist natürlich nur eine sehr, sehr subjektive Wahrnehmung meinerseits.

Nun, wir haben uns entschlossen, den jungen Menschen in unserem Haus entgegen zu kommen und ihnen das Angebot zu machen, dass alle (Wohnsitz hin oder her) bei uns die Prüfung ablegen können. Meine Kolleg/innen haben sich bereit erklärt trotz Schulschlussstress noch Berufsorientierung, Deutsch und Mathematikprüfungen zu erstellen und diese noch vor Schulschluss abzuhalten. Englisch und die Wahlfächer kommen im Herbst.

9 junge Burschen/Männer haben die Zulassungsbedingungen erfüllt. Heute um 13 Uhr begannen die ersten Prüfungen.

Montag, 26.06.2017, 13:00 – ich stehe in einem schön vorbereiteten Prüfungsraum, vor mir sitzen die 2 Prüfenden Kolleginnen, mir gegenüber 9 aufgeregte junge Männer, alle förmlich in dunkler Hose und hellem Hemd gekleidet und unglaublich nervös. Ihre beiden Klassenvorständinnen begleiten sie, genauso wie mein Kollege, der Direktor des WRG.

Ich begrüße alle, eröffne die Prüfungen und sage noch, dass wir großen Respekt vor den Leistungen der jungen Menschen haben und dass sie nicht nervös sein brauchen (ja eh, leichter gesagt, als getan…)

Noch bevor ich weiter reden kann, steht einer von den jungen Männern auf und sagt:  Frau Direktor, wir sagen danke, dass Sie uns ermöglichen, die Prüfungen hier gemeinsam zu machen.

Wir bitten den ersten Kandidaten heraus.  Präsentation Portfolio Berufsorientierung – deine Lebensgeschichte, deine beruflichen Ziele.

Taha ist 19 Jahre alt und beginnt seine Geschichte zu erzählen. Er ist top vorbereitet, hat eine tolle Präsentation zusammengestellt und spricht frei in wirklich schönem Deutsch. Taha lernt seit 1,5 Jahren Deutsch und allein seine Sprachfertigkeit nach dieser kurzen Zeit beeindruckt mich ungemein.

Als er den Tag beschreibt, an dem er seinen Vater das letzte Mal sah, stockt er und versucht seine Emotionen in Griff zu bekommen. Er versucht vergeblich, seine Tränen zurück zu halten, ich steh auf, geh zu ihm und da ich den Inhalt der Geschichte kenne, beende ich den Satz für ihn. Allerdings auch mit dem vergeblichen Versuch, meine Tränen zurück zu halten. Ich bin nicht die einzige im Raum, der es so geht – wir Erwachsenen sind alle erschüttert von der Fluchtgeschichte.

Ein junger Mann, der auf der Flucht mit einer Familie schreckliche Dinge erlebt hat, bei denen es uns schon schwer fällt zu zuhören, erzählt von seinen Träumen. Er erzählt uns, was er gelernt hat: niemals aufzugeben, für die eigenen Ziele zu kämpfen, die eigenen Familie zu beschützen, zu lernen, zu studieren, um Fuß fassen zu können. Gänsehautmoment.

Taha ist ein Beispiel von vielen jungen Menschen, die wirklich mehr als redlich bemüht sind, ihr bestes zu geben und trotz schrecklicher Umstände, die sie zwangen ihre Heimat zu verlassen, eine positive Zukunft zu gestalten.

Ich kann gar nicht sagen, wieviel Respekt ich vor der Leistung dieser jungen Menschen habe, vor Ihrem Eifer, vor Ihrem Durchhalten und den Bemühungen. Vor der Ernsthaftigkeit und Dankbarkeit mit der sie heute diesen Prüfungsmarathon begonnen haben.

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um diesen jungen Menschen zu ihrem Pflichtschulabschluss zu verhelfen. Und bin einmal mehr entsetzt über all den Hass und die Gewalt, der man in unserer Gesellschaft zum Thema Flucht und Asyl derzeit begegnet.

Wenn uns doch manchmal ein wenig bewusster wäre, was für ein Glück wir haben, in diesem Land Österreich geboren zu sein. Und dass damit keinerlei Leistung verbunden ist, sondern eben einfach nur das Quäntchen Zufall, das Leben oft so unterschiedlich verlaufen lässt.

Tragen wir dazu bei, dass Friede und Verständnis füreinander die Oberhand behalten, dass wir erkennen, dass uns niemand etwas wegnimmt, dass es uns nicht schlechter geht, dass Menschen auf der Flucht keine grundsätzliche Bedrohung sind.

Und nein, ich bin nicht blauäugig. Ich weiß, dass viele Asylwerber sich schwer tun mit Integration, dass nicht alles so läuft, wie wir uns das wünschen würden und dass es viele schwierige Momente gibt. Aber: wir haben die Chance, jenen zu helfen, die sich redlich bemühen, wir können aufhören mit Pauschalverurteilungen und endlich anfangen genauer hinzuschauen statt permanent weg zu schauen.

Von den 9 jungen Männern, die heute zu den Prüfungen angetreten sind, hatten erst 2 ein Interview. Und im Prinzip können alle 9 wieder abgeschoben werden. Und trotzdem lernen und arbeiten sie voller Hoffnung für ihre bessere Zukunft.

Ähnliches Foto

 

 


Nikolaus

Gleich mal vorweg ich bin Nikolausfan. Bekennender. War schon als kleines Kind fasziniert von dem Mann mit Rauschebart, dessen Stimme so sehr an meinen Papa erinnerte, aber mein Papa hat den Besuch des Nikolaus zu meinem Ärgernis ja immer verpasst, er kam da jedesmal zufällig zu spät vom Dienst nach Haus…..

Nun gut. Es wurden viele Nikolaussackerl heute verteilt und es gab viele strahlende Gesichter. Auch ich hab mich über meine schon sehr gefreut heut. Dienstag ist ja auch immer mein „Mutterhaustag“ – soll heißen, da bin ich am Nachmittag nicht in der Schule sondern im Büro im Mutterhaus. Und da sitz ich also am späten Nachmittag so am Computer und tippe fröhlich vor mich hin (und genieße Ruhe und Stille) da klopft was an der Tür. Erster Gedanke, ah die Putzfrau kehrt draußen schon zusammen. Es klopft nochmal, diesmal hartnäckiger. Oh, da will wer zu mir. Also Tür auf.

Und dann steht er da. Der Nikolaus. Groß, langer Rauschebart, schönes Kleid mit schönem Umhang, eine goldene Mitra mit bunten Steinen und natürlich ein Bischofsstab. Schwester Floriberta, die den Nikolaus begleitet, kann sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen, kein Wunder, wenn man mich so mit offenem Mund und großen staunenden Augen da stehen sieht. Der Nikolaus schlägt sein goldenes Buch auf und sucht meinen Namen. Und dann beginnt er zu erzählen. Das, was ihm Schwestern über mich erzählt haben. Und ich steh da. Gänsehautfeeling. So viel Wertschätzung, soviel Anerkennung für meine Arbeit und so viel Rückenstärkung für den weiteren Weg. Ich antworte artig auf die Fragen und ertappe mich dabei, wieder Kind geworden zu sein. Verlegen und mit roten Wangen steh ich aufgeregt da und hab Mühe, meine Rührung zu beherrschen, als mir der Nikolaus aus seiner Tasche Schokolade schenkt.

Der Nikolaus muss wieder weiter. Die Tür schließt sich wieder und ich steh allein im Büro. Mit einem Herzen angefüllt bis obenhin mit Freude und Dankbarkeit. Was ist das doch für ein Geschenk, wenn Menschen einander so wichtig nehmen, dass sie sich so viel Mühe machen. Erwartungslos. Bedingungslos. Nur der Sache wegen.Die Liebe, die diese Schwestern (die Franziskanerinnen von Vöcklabruck) schenken, lässt Menschen heil werden. Ganz tief innen drinnen, dort, wo wir es alle am Nötigsten haben.

Danke, lieber Nikolaus für dieses überraschende Wiedersehen nach gut 40 Jahren. Du hast dich kaum verändert……

image


Gone…..

In ein paar Tagen wird es ein Jahr, dass du nicht mehr mit uns bist. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und trotzdem fühlt es sich so an, als hätten wir erst gestern noch ein Glas guten Rotwein miteinander getrunken und über Gott und die Welt – im wahrsten Sinne – geplaudert.

Heut morgen am Weg in die Arbeit hat mir dein geliebter Traunstein im Sonnenaufgang wunderbar entgegengeleuchtet und ich musste lächeln, weil ich in so einem Moment immer das Gefühl hab, dass du da bist. Ein Sonnenaufgang soll ich werden/sein, für die, die mir anvertraut sind, hast du gemeint. Manchmal schieben sich aber trotzdem gehörige Wolken vor.

Ich vermiss deinen Rat, deine Meinung – wie gern hätt ich das amerikanische Wahlergebnis mit dir diskutiert. Ich vermiss dein Lachen, den Klang deiner Stimme, unsere Spaziergänge im Schweigen, deine kritischen Anmerkungen, deine Impulse, das gemeinsame Meditieren , das schelmische Funkeln in deinen Augen und so viel mehr.

Und dennoch ist da auch so viel Dankbarkeit für all das, was wir in den letzten Jahren teilen durften, für die vielen Begegnungen, für lange Gespräche, für all unsere Kunstbetrachtungen, für gemeinsame Erlebnisse, nächtliche lange Telefonate und für all das, was immer noch von dir da ist. Für deine Freundschaft und deine Verbundenheit. Für dein Mitgehen und Dasein. Für dich.

image


Zachor – Erinnere dich.

Fest der Freude am Heldenplatz in Wien. Gerne wäre ich selber heute vor Ort dabei. 

Ich vermisse meinen Großvater und meinen Onkel Cees. Die beiden Menschen, von denen ich gelernt habe, was Freundschaft bedeutet. Mein Großvater war ungefähr 18 Jahre, Krieg, er in den Niederlanden, in der Gegend von Alkmaar. Ausgangssperre. Der junge Soldat hat Dienst und entdeckt eine junges Mädel – Tini – die noch auf der Straße unterwegs ist. Er spricht sie an, begleitet sie nach Hause, kommt ins Gespräch mit ihr. Er kommt noch ein paar Mal zu der Familie und bemerkt bei einem Besuch die illegalen Waffen. Er bemerkt, dass er, der reichsdeutsche Soldat mitten im Widerstand gelandet ist. Er verlässt das Haus und verliert darüber nie ein Wort, er kehrt aber wieder. Er riskiert sein eigenes Leben. Der Krieg führt ihn weiter zurück nach Deutschland, Dresden- beim Bombenangriff verbrennt ihm der Stahlhelm die Ohren. Er ist ein junger Draufgänger, leistet sich viel und wird immer wieder strafversetzt. Seine Kriegstagebücher lassen uns ein wenig erahnen, was er alles erleben musste. Geredet hat er darüber nie sehr viel. Er konnte nicht. Weihnachten flossen bei ihm immer Tränen. Und er hat sich wohl ein Leben lang Vorwürfe gemacht für all das was er als Soldat mitunterstützt hatte und der Menschen wegen, die durch ihn zu Tode kamen. 

Waizenkirchen, 1951. Der Krieg vorüber, mein Großvater ein jungverheirateter Familienvater. Eines Tages läutet es an der Gartentür. Ein junger Holländer steht am Zaun. Wohnt hier ein Otto Tumeltshamer? Meine Eltern schicken mich, ihn zu suchen. Cees Ris, der Bruder von dem jungen Mädchen, das mein Großvater in der Nähe von Alkmaar damals nach Hause brachte, anstatt sie anzuzeigen. Cees und mein Großvater konnten einander damals nicht treffen, denn der 16 jährige Cees und einige seiner Freunde wurden kurz zuvor als Widerstandskämpfer verhaftet. Sie wurden in der Nacht von 13. auf 14. Oktober 1941 in Uitgeest verhaftet. Cees war bis Juni 1942 im Gefängnis Amstelveensweg in Amsterdam, anschließend bis August 1942 im Durchgangslager Amersfoort, September 1942 – Februar 1944 in Buchenwald, Februar 1944 bis Juli 1944 in Lublin (Majdanek). August 1944 bis Jänner 1945 in Auschwitz, Todesmarsch von Auschwitz zur tschechischen Grenze, Februar 1945 bis Mai 1945 Mauthausen bzw. die letzten Wochen in Gusen, im Nebenlager 2. Dort erlebte er vor heute 71 Jahren die Befreiung und kehrte zurück in die Niederlande zu seiner Familie, die ihr Glück gar nicht fassen konnten.  Und nun stand er am Gartenzaun meiner Großeltern. Cees Eltern wollten unbedingt in Erfahrung bringen, ob der junge Soldat von damals überlebt hatte, da die Briefe von ihm irgendwann endeten. Mein Großvater und er waren von diesem Moment an die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Ihre Familien – unsere Familien wurden in diesem Moment zu einer Familie und die beiden Männer haben das den Rest ihres Lebens so gelebt. Die Familie Ris war meinem Großvater so unendlich dankbar , dass er sie und die befreundeten Widerstandskämpfer nie verraten hatte und  sie hatten großen Respekt vor seinem Mut. Mein Großvater brauchte wohl diese Erinnerung zum Überleben, denn die „andere Seite“ , den befehlsausführenden Soldaten, gab es ja trotzdem und diese Erinnerungen machten ihm sehr zu schaffen. 

Ich hab mit ungefähr 14 Jahren zum ersten Mal von Cees Geschichte erfahren. Es war einherrlicher  Sommertag, Cees war mit seiner Frau, meiner Tante Truus zu Besuch bei den Großeltern und wir standen beide Hände waschend am Waschbecken. Ich entdeckte an seinem linken Unterarm eine tätowierte Nummer und fragte ihn, was das ist und ob das eine Bedeutung hat. Er hat mich angesehen und gefragt, ob ich in Geschichte in der Schule schon einemal etwas von Auschwitz gehört hätte. Ich bejahte und er meinte, nun, so eine Nummer bekam man, wenn man einmal in Auschwitz war. 

Mir war als Schülerin die Tragweite dieser Aussage damals nicht bewusst. Ich hab erst als junge erwachsene Frau begriffen,was mir mein Onkel Cees an diesem Sommertag ins Herz gepflanzt hat. Cees und mein Großvater konnten herrlich streiten, sie waren aber auch die dicksten Freunde und haben einander blind vertraut. Mein Großvater hat in Nordholland eine zweite Heimat gefunden und hat uns diese Liebe zu Land und Leuten und in erster Linie zur Familie Ris weitergegeben und auch wenn Cees und mein Großvater heute nicht mehr bei uns sind, so sind unsere Familien bis heute miteinander verbunden und wir sind dankbar, was wir voneinander lernen durften. Cees hatte kein leichtes Leben, auch wenn er ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann wurde, die Erinnerungen quälten ihn und er war ein Leben lang auf der Suche nach dem, der ihn damals verraten hatte. Cees hatte 2 Söhne und diese beiden Söhne hatten es durch die Lebensgeschichte ihres Vaters auch alles andere als einfach. Und so schwierig die Lebensgeschichten der beiden Männer, Cees und Otto, durch diesen Krieg sich gestalteten, so dankbar bin ich den beiden, für all das, was ich durch sie erfahren und erlernen durfte und vor allem dass sie mir durch ihre Geschichten Wege eröffnet haben, die ich bis heute gehe. 

Danke, dass ihr immer noch ein Teil von mir seid und vor allem, dass ihr immer noch mit mir seid. 
image


Nichtsdestotrotz

3 Menschen gegangen,
Kommen nie mehr.
Die eigenen Seelen kraftlos und leer.
Nichtsdestotrotz.
Wir feiern das Leben.
Und mehr.

Projekt „txt.*“ https://www.facebook.com/projekttxt/

IMG_0775-0.JPG


Train of Hope Linz

Weil ich es zuhause einfach nicht mehr aushalte, grab ich den Riesenrucksack aus und mach mich auf den Weg zum Bahnhof Linz.
Erster Stopp: die Hoferfiliale im Nachbarort. Ich kaufe jede Menge Hygieneartikel und ernte verwunderte Blicke von Menschen, die an der Kasse anstehen. Die Kassiererin wünscht mir mit auffallend strahlendem Lächeln noch einen wunderschönen Tag.
So, alles gut im Rucksack verstauen und den ins Auto wuchten (ja, auch Zahnpasta und Seife kommen in Summe auf ordentliches Gewicht) und ab nach Linz.

Stau an der Stadteinfahrt…..ah ja….Ars electronica, Klangwolke u d irgendwas Sportliches mit vielen Fans…..naja, ich bin trotzdem überzeugt, hinter dem Ibis einen Parkplatz zu finden und tadaaaaaaaa, einer war noch frei! Rucksack umschnallen und zum Bahnhof rüber traben, runter zur Spendensammelstelle . Da sind erfreulicherweise jede Menge Leute und alles ist super organisiert, es gibt beschriftete Schachteln oder Plätze, wo man die mitgebrachten Sachen einsortieren kann. Während ich den Rucksack leere, packen zeitgleich unzählige fleißige Hände diverse Sackerl….Hygienepakete, Essenspakete, Babypakete (da kommt auch ein Kuscheltier rein…), Einkaufswägen voll mit Wasser….
Fleißige Helfer transportieren die fertigen Pakete auf den Bahnsteig. Gleis 5 und 6.

Ich schnapp mir auch a Schachtel und folge der kleinen Karawane.

Am Bahnsteig sind Versorgungsinseln, die alle mit den diversen Paketen ausgerüstet sind und mit Menschen, die sich drum kümmern und auf die nächsten Züge warten.
Ich geselle mich zu einer eher spärlich besetzten solchen Insel. „b6“
Ein junger Mann, eine junge Frau, eine Frau in meinem Alter (also noch eine junge *hust*), eine ältere Dame und ich. Wir verstehen uns alle auf Anhieb und reden und diskutieren über die Menschen, die auf der Flucht sind…..was geht in ihren Köpfen vor, was müssen sie alles verarbeiten, wie geht es ihnen, was wird uns erwarten…..

Ein Zug wird angkündigt….wir schnappen Sackerl, sprechen ab, wer in den Zug reingeht und wer heraußen bleibt um Türen offen zu halten, damit niemand von den Helfern unabsichtlich mitfahren muss….

In den Zügen viele Menschen. Reisende und Flüchtlinge. Reisende, die aussteigen informieren, wo Flüchtlinge etwas brauchen könnten, niemand ist ungehalten, niemand regt sich auf, alles passiert erstaunlich flott und ruhig. Die flüchtenden Menschen sind vorsichtig und scheu aber letztlich immer wieder unglaublich dankbar für die Hilfe.

Es braucht nicht viele Worte. Gesten reichen völlig aus. Und ein Lächeln und manchmal auch Tränen auf beiden Seiten.

Der nächste Zug ein Sonderzug. Die Ansage: Zug fährt durch. Wir werden aber informiert, dass der Zug trotzdem halten wird. Wir packen alles mögliche in den Zug, Flüchtlinge helfen im Zug beim verteilen, junge Migranten übersetzen, helfen beherzt mit, was nicht gebraucht wird, wird wieder herausgereicht. Niemand bunkert oder bereichert sich. Der Zug steht locker 10 Minuten, kein Stress. Ein Schaffner erzählt, wie lange er schon arbeitet….72 stunden, es ist aber kein Thema für ihn und er ist immer noch freundlich und lächelt.
Der Zug fährt ab, wir applaudieren, jubeln den Flüchtlingen zu und winken….und die Flüchtlinge in den Zügen winken, lachen, weinen, legen ihre Hand aufs Herz, werfen Küsschen und wir stehen am Bahnsteig und lachen und weinen mit.

Vom Spendensammelpunkt kommt wieder Nachschub mit vielen Helfern auf den Bahnsteig, die Inseln werden wieder aufgefüllt. Wir warten auf den nächsten Zug, plaudern, lachen, rauchen eine Zigarette…..ein junger Mann neben uns, lange Haare, Lederkluft, ordentliche beats umghängt, schwere Stiefel hört uns zu, raucht eine und wendet sich plötzlich an uns. „Ich hab hier zwar nichts hergebracht, aber kann ich mich zumindest finanziell beteiligen?“ Er kramt einige Euromünzen raus und drückt sie einer Helferin in die Hand, die strahlt und sagt „ich renn sofort runter und kauf „quetschsaftl“ (kleine Tetrapacks mit Säften) “ und schon rennt sie los….der junge Mann fragt, ib er helfen kann und wir bieten an, dass er Packerl mit in den Zug nimmt und verteilt. Der Zug fährt ein, der junge Mann steigt ein, wir gehen auch durch und beim Aussteigen bringt der junge Mann schnell nochmal zurück, was er nicht verteilen konntw, springt wieder in den Zug, dreht sich um und ruft noch ein „Danke für euer Engagement“ raus.

Wir warten auf den nächsten Zug.
Neben uns zwei junge Burschen. Cool guys mit Gitarren und Mütze und Hut. Einer wendet sich zu uns und fragt in kuhlstem amerikanischem Englisch, ob sie was in den Zug mitnehmen dürften, sie würden das auch gern verteilen. Die beiden sind seit ein paar Wochen schon auf Reisen, vorwiegend durch Osteuropa und jetzt via Frankfurt auf dem Weg nach Amsterdam. Sie sind beeindruckt, sagen sie. Der Zug kommt, wir steigen wieder ein…..

Die Inseln werden wieder aufgefüllt.
Dazwischen immer wieder freundliches Zugpersonal auch am Bahnsteig, sichtlich müde aber verständnisvoll und geduldig, wenn die Helfer nicht schnell genug wieder aus den Zügen heraußen sind. Auch Westbahnmitarbeiter/innen helfen mit. informieren in welchen Wägen Flüchtlinge sitzen oder fragen um Essenspakete, die sie selber verteilen.

Das Rote Kreuz ist zwischendurch immer wieder da, ebenso die Polizei. Aber die schauen immer nur kurz vorbei, alles geht ruhig und gut organisiert ab, was angesichts der Tatsache, dass sich diese Hilfe quasi aus dem Nichts formiert hat, unglaublich ist.

Der nächste Zug kommt, diesmal nur wenige Flüchtlinge.dennoch, die Inseln werden wieder aufgeräumt und gecheckt und Helfer bringen gegebenenfalls den benötigten Nachschub. Die Inseln sind voll.

Wir warten auf den nächsten Zug.

IMG_0790.JPG

IMG_0789.JPG

IMG_0791.JPG

IMG_0793-0.JPG