Archiv der Kategorie: Gedanken

Loslassen

Ideen, Visionen, Bilder,

Geformt in den letzten Jahren in meinem Kopf, in meinem Herzen.

Investiert.

Zeit, noch viel mehr Zeit, Energie, Kraft, Kreativität.

Mühsam, steinig, überraschend anders zeigt sich der Weg,

Zwischendurch aufgeben wollen, aufraffen, weitergehen, zweifeln

und doch beginnen langsam aber beständig die ersten zarten Pflänzchen

zu sprießen.

Herzblut als Dünger.

Hoffnung, Zuversicht, Wachsen sehen, weiter gehen.

Chancen sehen, Türen öffnen, Netze knüpfen.

Heimat finden.

Turning point.

Loslassen müssen, Ideen, Visionen, Bilder begraben.

Das Neue nicht sehen können,

Enttäuschung erleben, traurig sein,

Loslassen. Verlassen.

Neue Wege suchen.

Gehen.

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Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss oder wie man Steine aus dem Weg räumt.

In unserem Haus gibt es im WRG eine sogenannte Übergangsklasse für Asylwerber.  Nach Abschluss dieser Klasse sind die jungen Menschen berechtigt, an einer Neuen Mittelschule extern die Pflichtschulabschlussprüfungen zu absolvieren.  Jeder von ihnen am eigenen Wohnort, also in einer Schule, die vielleicht keine Ahnung hat, was in dem Jahr alles unterrichtet und gelehrt wurde.

Die Bürokratie, die für uns Schulleiter/innen damit verbunden ist, ist enorm. Die Entlohnung ein Hohn (ich bekomme pro Prüfungsvorsitz 1 €, jeder Jugendliche muss insgesamt 6 Teilprüfungen ablegen). Den unterrichtenden Kolleg/innen in diesen Übergangsstufen hat man erst zu Ende des Jahres mitgeteilt, dass die Prüfungsfächer z.B nicht Deutsch sondern „Deutsch und Geschichte“ oder nicht Englisch sondern „Englisch und Globalität, Transkulturalität“ (also Geografie im Weitesten) heißen.

Wenn man in so einer Dienstbesprechung sitzt, wo einem das Prozedere erläutert wird, beschleicht einen das Gefühl, dass man es jungen Menschen extra schwer machen will, bei uns Fuß zu fassen -aber das ist natürlich nur eine sehr, sehr subjektive Wahrnehmung meinerseits.

Nun, wir haben uns entschlossen, den jungen Menschen in unserem Haus entgegen zu kommen und ihnen das Angebot zu machen, dass alle (Wohnsitz hin oder her) bei uns die Prüfung ablegen können. Meine Kolleg/innen haben sich bereit erklärt trotz Schulschlussstress noch Berufsorientierung, Deutsch und Mathematikprüfungen zu erstellen und diese noch vor Schulschluss abzuhalten. Englisch und die Wahlfächer kommen im Herbst.

9 junge Burschen/Männer haben die Zulassungsbedingungen erfüllt. Heute um 13 Uhr begannen die ersten Prüfungen.

Montag, 26.06.2017, 13:00 – ich stehe in einem schön vorbereiteten Prüfungsraum, vor mir sitzen die 2 Prüfenden Kolleginnen, mir gegenüber 9 aufgeregte junge Männer, alle förmlich in dunkler Hose und hellem Hemd gekleidet und unglaublich nervös. Ihre beiden Klassenvorständinnen begleiten sie, genauso wie mein Kollege, der Direktor des WRG.

Ich begrüße alle, eröffne die Prüfungen und sage noch, dass wir großen Respekt vor den Leistungen der jungen Menschen haben und dass sie nicht nervös sein brauchen (ja eh, leichter gesagt, als getan…)

Noch bevor ich weiter reden kann, steht einer von den jungen Männern auf und sagt:  Frau Direktor, wir sagen danke, dass Sie uns ermöglichen, die Prüfungen hier gemeinsam zu machen.

Wir bitten den ersten Kandidaten heraus.  Präsentation Portfolio Berufsorientierung – deine Lebensgeschichte, deine beruflichen Ziele.

Taha ist 19 Jahre alt und beginnt seine Geschichte zu erzählen. Er ist top vorbereitet, hat eine tolle Präsentation zusammengestellt und spricht frei in wirklich schönem Deutsch. Taha lernt seit 1,5 Jahren Deutsch und allein seine Sprachfertigkeit nach dieser kurzen Zeit beeindruckt mich ungemein.

Als er den Tag beschreibt, an dem er seinen Vater das letzte Mal sah, stockt er und versucht seine Emotionen in Griff zu bekommen. Er versucht vergeblich, seine Tränen zurück zu halten, ich steh auf, geh zu ihm und da ich den Inhalt der Geschichte kenne, beende ich den Satz für ihn. Allerdings auch mit dem vergeblichen Versuch, meine Tränen zurück zu halten. Ich bin nicht die einzige im Raum, der es so geht – wir Erwachsenen sind alle erschüttert von der Fluchtgeschichte.

Ein junger Mann, der auf der Flucht mit einer Familie schreckliche Dinge erlebt hat, bei denen es uns schon schwer fällt zu zuhören, erzählt von seinen Träumen. Er erzählt uns, was er gelernt hat: niemals aufzugeben, für die eigenen Ziele zu kämpfen, die eigenen Familie zu beschützen, zu lernen, zu studieren, um Fuß fassen zu können. Gänsehautmoment.

Taha ist ein Beispiel von vielen jungen Menschen, die wirklich mehr als redlich bemüht sind, ihr bestes zu geben und trotz schrecklicher Umstände, die sie zwangen ihre Heimat zu verlassen, eine positive Zukunft zu gestalten.

Ich kann gar nicht sagen, wieviel Respekt ich vor der Leistung dieser jungen Menschen habe, vor Ihrem Eifer, vor Ihrem Durchhalten und den Bemühungen. Vor der Ernsthaftigkeit und Dankbarkeit mit der sie heute diesen Prüfungsmarathon begonnen haben.

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um diesen jungen Menschen zu ihrem Pflichtschulabschluss zu verhelfen. Und bin einmal mehr entsetzt über all den Hass und die Gewalt, der man in unserer Gesellschaft zum Thema Flucht und Asyl derzeit begegnet.

Wenn uns doch manchmal ein wenig bewusster wäre, was für ein Glück wir haben, in diesem Land Österreich geboren zu sein. Und dass damit keinerlei Leistung verbunden ist, sondern eben einfach nur das Quäntchen Zufall, das Leben oft so unterschiedlich verlaufen lässt.

Tragen wir dazu bei, dass Friede und Verständnis füreinander die Oberhand behalten, dass wir erkennen, dass uns niemand etwas wegnimmt, dass es uns nicht schlechter geht, dass Menschen auf der Flucht keine grundsätzliche Bedrohung sind.

Und nein, ich bin nicht blauäugig. Ich weiß, dass viele Asylwerber sich schwer tun mit Integration, dass nicht alles so läuft, wie wir uns das wünschen würden und dass es viele schwierige Momente gibt. Aber: wir haben die Chance, jenen zu helfen, die sich redlich bemühen, wir können aufhören mit Pauschalverurteilungen und endlich anfangen genauer hinzuschauen statt permanent weg zu schauen.

Von den 9 jungen Männern, die heute zu den Prüfungen angetreten sind, hatten erst 2 ein Interview. Und im Prinzip können alle 9 wieder abgeschoben werden. Und trotzdem lernen und arbeiten sie voller Hoffnung für ihre bessere Zukunft.

Ähnliches Foto

 

 


Gone…..

In ein paar Tagen wird es ein Jahr, dass du nicht mehr mit uns bist. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und trotzdem fühlt es sich so an, als hätten wir erst gestern noch ein Glas guten Rotwein miteinander getrunken und über Gott und die Welt – im wahrsten Sinne – geplaudert.

Heut morgen am Weg in die Arbeit hat mir dein geliebter Traunstein im Sonnenaufgang wunderbar entgegengeleuchtet und ich musste lächeln, weil ich in so einem Moment immer das Gefühl hab, dass du da bist. Ein Sonnenaufgang soll ich werden/sein, für die, die mir anvertraut sind, hast du gemeint. Manchmal schieben sich aber trotzdem gehörige Wolken vor.

Ich vermiss deinen Rat, deine Meinung – wie gern hätt ich das amerikanische Wahlergebnis mit dir diskutiert. Ich vermiss dein Lachen, den Klang deiner Stimme, unsere Spaziergänge im Schweigen, deine kritischen Anmerkungen, deine Impulse, das gemeinsame Meditieren , das schelmische Funkeln in deinen Augen und so viel mehr.

Und dennoch ist da auch so viel Dankbarkeit für all das, was wir in den letzten Jahren teilen durften, für die vielen Begegnungen, für lange Gespräche, für all unsere Kunstbetrachtungen, für gemeinsame Erlebnisse, nächtliche lange Telefonate und für all das, was immer noch von dir da ist. Für deine Freundschaft und deine Verbundenheit. Für dein Mitgehen und Dasein. Für dich.

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Nichtsdestotrotz

3 Menschen gegangen,
Kommen nie mehr.
Die eigenen Seelen kraftlos und leer.
Nichtsdestotrotz.
Wir feiern das Leben.
Und mehr.

Projekt „txt.*“ https://www.facebook.com/projekttxt/

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attimo

diese wertvollen augenblicke,
an denen man das leben einfrieren
und die zeit still stehen lassen möchte,
weil sich alles gerade so leicht und richtig anfühlt.

die starre des winters weicht aus meinem körper, meiner seele,
die sonne hat mich wieder.
einem gemalten bild gleich möchte
ich diesen moment des erkennens festhalten
einem gemälde gleich ihn immer wieder betrachten
und trotzdem lasse ich los
und treibe weiter im strom der zeit
gehalten und getragen vom licht,
gehalten und getragen von einem anderen bild in mir,
dem ich so unendlich dankbar bin, dass es ist.

ein bild, das sich immer wieder verändert
und mir dennoch vertraut ist,
ein bild, das mich meine eigene lebendigkeit spüren lässt,
das mich sein lässt und mich begleitet,
gleich einem kompass,
ein bild, auf das ich nach all den jahren
Immer wieder mit dankbarkeit und freude schaue.
dein bild.

(Wort 4 und 5 von [*txt])

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Schulleiterinnenglücksgedanken

Krankenstände bringen es so mit sich, dass man relativ viel Zeit zum Nachdenken hat. So war das auch bei mir in den letzten Tagen. Nicht, dass ich nicht selber genug Stoff hätt, um den meine Gedanken kreisen könnten, aber die letzten Tage hat Schule mich mal wieder sehr beschäftigt. Schule und Schule leiten. Was mich zu diesem Nachdenken brachte, war diese furchtbare, unfassbare Tragödie des Flugzeugabsturzes der Germanwings Maschine über Frankreich und die traurige Tatsache, dass dabei auch eine Schüler/innengruppe mit ihren beiden Lehrerinnen ums Leben kamen. Meine Gedanken waren ganz viel bei dem Schulleiterkollegen in Deutschland, den ich natürlich nicht persönlich kenne, aber dessen Beruf mir so vertraut ist und ich maße mir an zu sagen, dessen Denken mir ein wenig vertraut ist. Über den Alptraum, den er persönlich als Leiter der Schule erlebt, mag ich gar kein Wort verlieren (und bitte nicht missverstehen, ich vergleiche hier keine Alpträume, all dem kann man angesichts der Unfassbarkeit der Tragödie sowieso nicht gerecht werden…)
Aber dennoch lässt die Frage mich nicht los, was braucht eine Schulgemeinschaft, um so ein Unglück gemeinsam tragen zu können.

Seit drei Jahren nun leite ich also eine Schule. Ich bin verantwortlich für…. naja kurzgesagt für fast alles, für Stundenpläne, Diensteinteilungen, Personalentwicklung, Budgets, Abrechnungen, Einkäufe, Gebäude Instandhaltung, Schulentwicklung und und und. Manchmal fordert der Job total, manchmal überfordert er auch und die Bürokratie verschlingt mich, dann gäbe ich ein Königreich für ein Sekretariat, für einen Administrator etc. Aber Gott sei Dank gibt es jede Menge anderer Tage….. Ich mach meinen Job unglaublich gerne, ich fühl mich verantwortlich für eine gute Lern- und Arbeitsatmosphäre für die 300 Kinder und meine 30 Kollegen. Ich fühl mich gemeinsam mit den beiden anderen Leiterkollegen verantwortlich für eine gute Atmosphäre am ganzen Campus – das sind dann in etwa 1000 Kinder und Jugendliche und in etwa 130 Mitarbeiter/innen (inklusive Hortpädagoginnen, Reinigungszauberfeen, unersetzbarem Hausmeister etc)
Ich leg mein Herzblut in diese Arbeit, bilde mich weiter, informiere mich, habe immer eine offene Tür, will da sein, hellhörig sein, will zuhören, trösten, planen, verändern, neue Wege beschreiten, Entwicklungen fördern und dafür Sorgen, dass Kinder in vier Jahren an unserer Schule jede Menge positive Erfahrungen machen und lernen, dass es okay ist, so zu sein, wie man eben ist, ob mit oder ohne handicap, Migrationshintergrund, Sommersprossen etc.
Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen das System „Schule und Bildung in Österreich“ mich lähmt und ich große Zweifel habe an dem, was ich tue.
Und dann gibt es Tage wie heute. Um 11 Uhr hat sich heute die ganze Rasselbande bei uns im Festsaal zur ersten Schulversammlung getroffen. Und da sitz ich dann so auf den obersten Stufen zur Bühne und schau auf 300 lachende Kindergesichter, die vor mir auf dem Boden sitzen und merke, wie ich kurz um Fassung ringe, weil der Gedanke „das sind alles ‚meine'“ mich total berührt. Und ich sag zu den Kindern, wie gern ich dieses Bild mag und dass es schön ist, sagen zu dürfen „alles meine“ …..und sie jubeln und applaudieren….. Wir laden die Geburtstagskinder des Monat März ein, aufzustehen und singen ein „Wie schön, dass du geboren bist“ und es freuen sich die großen und die kleinen Geburtstagskinder. Wir laden ein zu einer Lobrunde, Lehrer/innen loben Schüler dafür, dass sie ihnen was erklärt haben im Bereich Technik, oder dass sie bei der Durchführung von Schulveranstaltungen so tatkräftig mithalfen. Schüler/innen loben andere Schüler/innen für Unterstützung, für gemeinsame Projekte, Schüler/innen loben eine Lehrerin, die spontan eingesprungen ist und somit eine Schulveranstaltung gerettet hat und und und…… Und dann singen 72 Erstklassler für uns alle noch ein Lied. „Freunde, wie wir….“ ….. Und dann schicken wir sie alle in die Ferien, der Festsaal leert sich, es wird wieder still, ich bleib noch ein Moment auf der Bühne sitzen. Ein Kollege geht vorbei und sagt: „Gut, dass du wieder da bist.“

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Wunschfrau

den sekundenbruchteil des augenblicks, wenn dein lächeln mich findet
den freudigen flügelschlag des schmetterlings, wenn die sonne den saum seiner flügel berührt
das leise lachen des windes, wenn er sich in unseren haaren verfängt,
den weichen klang der erde, wenn kleine füße sie berühren,
die sanfte klarheit des regens, der alle unsicherheit wegwäscht,
die bergende wärme deiner nähe,
das aufgeregte rascheln der blätter bevor sie sich auf ihre reise begeben,
die geheimnisvollen gärten in den gründen unserer seele,
das prächtige farbenspiel der rosen im garten der erinnerung,
das leidenschaftliche lied der wellen, das uns an den strãnden unserer meere erwartet.

was mehr könnte ich mir wünschen, außer vielleicht die nährende stille deiner gegenwart täglich neu zu erkennen.

[ projekt *.text, Wort 2 „wünschen“ http://neonwilderness.net/2015/01/28/das-zweite-wort-txt/ ]

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