Archiv der Kategorie: Gedanken

Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss oder wie man Steine aus dem Weg räumt.

In unserem Haus gibt es im WRG eine sogenannte Übergangsklasse für Asylwerber.  Nach Abschluss dieser Klasse sind die jungen Menschen berechtigt, an einer Neuen Mittelschule extern die Pflichtschulabschlussprüfungen zu absolvieren.  Jeder von ihnen am eigenen Wohnort, also in einer Schule, die vielleicht keine Ahnung hat, was in dem Jahr alles unterrichtet und gelehrt wurde.

Die Bürokratie, die für uns Schulleiter/innen damit verbunden ist, ist enorm. Die Entlohnung ein Hohn (ich bekomme pro Prüfungsvorsitz 1 €, jeder Jugendliche muss insgesamt 6 Teilprüfungen ablegen). Den unterrichtenden Kolleg/innen in diesen Übergangsstufen hat man erst zu Ende des Jahres mitgeteilt, dass die Prüfungsfächer z.B nicht Deutsch sondern „Deutsch und Geschichte“ oder nicht Englisch sondern „Englisch und Globalität, Transkulturalität“ (also Geografie im Weitesten) heißen.

Wenn man in so einer Dienstbesprechung sitzt, wo einem das Prozedere erläutert wird, beschleicht einen das Gefühl, dass man es jungen Menschen extra schwer machen will, bei uns Fuß zu fassen -aber das ist natürlich nur eine sehr, sehr subjektive Wahrnehmung meinerseits.

Nun, wir haben uns entschlossen, den jungen Menschen in unserem Haus entgegen zu kommen und ihnen das Angebot zu machen, dass alle (Wohnsitz hin oder her) bei uns die Prüfung ablegen können. Meine Kolleg/innen haben sich bereit erklärt trotz Schulschlussstress noch Berufsorientierung, Deutsch und Mathematikprüfungen zu erstellen und diese noch vor Schulschluss abzuhalten. Englisch und die Wahlfächer kommen im Herbst.

9 junge Burschen/Männer haben die Zulassungsbedingungen erfüllt. Heute um 13 Uhr begannen die ersten Prüfungen.

Montag, 26.06.2017, 13:00 – ich stehe in einem schön vorbereiteten Prüfungsraum, vor mir sitzen die 2 Prüfenden Kolleginnen, mir gegenüber 9 aufgeregte junge Männer, alle förmlich in dunkler Hose und hellem Hemd gekleidet und unglaublich nervös. Ihre beiden Klassenvorständinnen begleiten sie, genauso wie mein Kollege, der Direktor des WRG.

Ich begrüße alle, eröffne die Prüfungen und sage noch, dass wir großen Respekt vor den Leistungen der jungen Menschen haben und dass sie nicht nervös sein brauchen (ja eh, leichter gesagt, als getan…)

Noch bevor ich weiter reden kann, steht einer von den jungen Männern auf und sagt:  Frau Direktor, wir sagen danke, dass Sie uns ermöglichen, die Prüfungen hier gemeinsam zu machen.

Wir bitten den ersten Kandidaten heraus.  Präsentation Portfolio Berufsorientierung – deine Lebensgeschichte, deine beruflichen Ziele.

Taha ist 19 Jahre alt und beginnt seine Geschichte zu erzählen. Er ist top vorbereitet, hat eine tolle Präsentation zusammengestellt und spricht frei in wirklich schönem Deutsch. Taha lernt seit 1,5 Jahren Deutsch und allein seine Sprachfertigkeit nach dieser kurzen Zeit beeindruckt mich ungemein.

Als er den Tag beschreibt, an dem er seinen Vater das letzte Mal sah, stockt er und versucht seine Emotionen in Griff zu bekommen. Er versucht vergeblich, seine Tränen zurück zu halten, ich steh auf, geh zu ihm und da ich den Inhalt der Geschichte kenne, beende ich den Satz für ihn. Allerdings auch mit dem vergeblichen Versuch, meine Tränen zurück zu halten. Ich bin nicht die einzige im Raum, der es so geht – wir Erwachsenen sind alle erschüttert von der Fluchtgeschichte.

Ein junger Mann, der auf der Flucht mit einer Familie schreckliche Dinge erlebt hat, bei denen es uns schon schwer fällt zu zuhören, erzählt von seinen Träumen. Er erzählt uns, was er gelernt hat: niemals aufzugeben, für die eigenen Ziele zu kämpfen, die eigenen Familie zu beschützen, zu lernen, zu studieren, um Fuß fassen zu können. Gänsehautmoment.

Taha ist ein Beispiel von vielen jungen Menschen, die wirklich mehr als redlich bemüht sind, ihr bestes zu geben und trotz schrecklicher Umstände, die sie zwangen ihre Heimat zu verlassen, eine positive Zukunft zu gestalten.

Ich kann gar nicht sagen, wieviel Respekt ich vor der Leistung dieser jungen Menschen habe, vor Ihrem Eifer, vor Ihrem Durchhalten und den Bemühungen. Vor der Ernsthaftigkeit und Dankbarkeit mit der sie heute diesen Prüfungsmarathon begonnen haben.

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um diesen jungen Menschen zu ihrem Pflichtschulabschluss zu verhelfen. Und bin einmal mehr entsetzt über all den Hass und die Gewalt, der man in unserer Gesellschaft zum Thema Flucht und Asyl derzeit begegnet.

Wenn uns doch manchmal ein wenig bewusster wäre, was für ein Glück wir haben, in diesem Land Österreich geboren zu sein. Und dass damit keinerlei Leistung verbunden ist, sondern eben einfach nur das Quäntchen Zufall, das Leben oft so unterschiedlich verlaufen lässt.

Tragen wir dazu bei, dass Friede und Verständnis füreinander die Oberhand behalten, dass wir erkennen, dass uns niemand etwas wegnimmt, dass es uns nicht schlechter geht, dass Menschen auf der Flucht keine grundsätzliche Bedrohung sind.

Und nein, ich bin nicht blauäugig. Ich weiß, dass viele Asylwerber sich schwer tun mit Integration, dass nicht alles so läuft, wie wir uns das wünschen würden und dass es viele schwierige Momente gibt. Aber: wir haben die Chance, jenen zu helfen, die sich redlich bemühen, wir können aufhören mit Pauschalverurteilungen und endlich anfangen genauer hinzuschauen statt permanent weg zu schauen.

Von den 9 jungen Männern, die heute zu den Prüfungen angetreten sind, hatten erst 2 ein Interview. Und im Prinzip können alle 9 wieder abgeschoben werden. Und trotzdem lernen und arbeiten sie voller Hoffnung für ihre bessere Zukunft.

Ähnliches Foto

 

 

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Gone…..

In ein paar Tagen wird es ein Jahr, dass du nicht mehr mit uns bist. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und trotzdem fühlt es sich so an, als hätten wir erst gestern noch ein Glas guten Rotwein miteinander getrunken und über Gott und die Welt – im wahrsten Sinne – geplaudert.

Heut morgen am Weg in die Arbeit hat mir dein geliebter Traunstein im Sonnenaufgang wunderbar entgegengeleuchtet und ich musste lächeln, weil ich in so einem Moment immer das Gefühl hab, dass du da bist. Ein Sonnenaufgang soll ich werden/sein, für die, die mir anvertraut sind, hast du gemeint. Manchmal schieben sich aber trotzdem gehörige Wolken vor.

Ich vermiss deinen Rat, deine Meinung – wie gern hätt ich das amerikanische Wahlergebnis mit dir diskutiert. Ich vermiss dein Lachen, den Klang deiner Stimme, unsere Spaziergänge im Schweigen, deine kritischen Anmerkungen, deine Impulse, das gemeinsame Meditieren , das schelmische Funkeln in deinen Augen und so viel mehr.

Und dennoch ist da auch so viel Dankbarkeit für all das, was wir in den letzten Jahren teilen durften, für die vielen Begegnungen, für lange Gespräche, für all unsere Kunstbetrachtungen, für gemeinsame Erlebnisse, nächtliche lange Telefonate und für all das, was immer noch von dir da ist. Für deine Freundschaft und deine Verbundenheit. Für dein Mitgehen und Dasein. Für dich.

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Nichtsdestotrotz

3 Menschen gegangen,
Kommen nie mehr.
Die eigenen Seelen kraftlos und leer.
Nichtsdestotrotz.
Wir feiern das Leben.
Und mehr.

Projekt „txt.*“ https://www.facebook.com/projekttxt/

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attimo

diese wertvollen augenblicke,
an denen man das leben einfrieren
und die zeit still stehen lassen möchte,
weil sich alles gerade so leicht und richtig anfühlt.

die starre des winters weicht aus meinem körper, meiner seele,
die sonne hat mich wieder.
einem gemalten bild gleich möchte
ich diesen moment des erkennens festhalten
einem gemälde gleich ihn immer wieder betrachten
und trotzdem lasse ich los
und treibe weiter im strom der zeit
gehalten und getragen vom licht,
gehalten und getragen von einem anderen bild in mir,
dem ich so unendlich dankbar bin, dass es ist.

ein bild, das sich immer wieder verändert
und mir dennoch vertraut ist,
ein bild, das mich meine eigene lebendigkeit spüren lässt,
das mich sein lässt und mich begleitet,
gleich einem kompass,
ein bild, auf das ich nach all den jahren
Immer wieder mit dankbarkeit und freude schaue.
dein bild.

(Wort 4 und 5 von [*txt])

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Schulleiterinnenglücksgedanken

Krankenstände bringen es so mit sich, dass man relativ viel Zeit zum Nachdenken hat. So war das auch bei mir in den letzten Tagen. Nicht, dass ich nicht selber genug Stoff hätt, um den meine Gedanken kreisen könnten, aber die letzten Tage hat Schule mich mal wieder sehr beschäftigt. Schule und Schule leiten. Was mich zu diesem Nachdenken brachte, war diese furchtbare, unfassbare Tragödie des Flugzeugabsturzes der Germanwings Maschine über Frankreich und die traurige Tatsache, dass dabei auch eine Schüler/innengruppe mit ihren beiden Lehrerinnen ums Leben kamen. Meine Gedanken waren ganz viel bei dem Schulleiterkollegen in Deutschland, den ich natürlich nicht persönlich kenne, aber dessen Beruf mir so vertraut ist und ich maße mir an zu sagen, dessen Denken mir ein wenig vertraut ist. Über den Alptraum, den er persönlich als Leiter der Schule erlebt, mag ich gar kein Wort verlieren (und bitte nicht missverstehen, ich vergleiche hier keine Alpträume, all dem kann man angesichts der Unfassbarkeit der Tragödie sowieso nicht gerecht werden…)
Aber dennoch lässt die Frage mich nicht los, was braucht eine Schulgemeinschaft, um so ein Unglück gemeinsam tragen zu können.

Seit drei Jahren nun leite ich also eine Schule. Ich bin verantwortlich für…. naja kurzgesagt für fast alles, für Stundenpläne, Diensteinteilungen, Personalentwicklung, Budgets, Abrechnungen, Einkäufe, Gebäude Instandhaltung, Schulentwicklung und und und. Manchmal fordert der Job total, manchmal überfordert er auch und die Bürokratie verschlingt mich, dann gäbe ich ein Königreich für ein Sekretariat, für einen Administrator etc. Aber Gott sei Dank gibt es jede Menge anderer Tage….. Ich mach meinen Job unglaublich gerne, ich fühl mich verantwortlich für eine gute Lern- und Arbeitsatmosphäre für die 300 Kinder und meine 30 Kollegen. Ich fühl mich gemeinsam mit den beiden anderen Leiterkollegen verantwortlich für eine gute Atmosphäre am ganzen Campus – das sind dann in etwa 1000 Kinder und Jugendliche und in etwa 130 Mitarbeiter/innen (inklusive Hortpädagoginnen, Reinigungszauberfeen, unersetzbarem Hausmeister etc)
Ich leg mein Herzblut in diese Arbeit, bilde mich weiter, informiere mich, habe immer eine offene Tür, will da sein, hellhörig sein, will zuhören, trösten, planen, verändern, neue Wege beschreiten, Entwicklungen fördern und dafür Sorgen, dass Kinder in vier Jahren an unserer Schule jede Menge positive Erfahrungen machen und lernen, dass es okay ist, so zu sein, wie man eben ist, ob mit oder ohne handicap, Migrationshintergrund, Sommersprossen etc.
Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen das System „Schule und Bildung in Österreich“ mich lähmt und ich große Zweifel habe an dem, was ich tue.
Und dann gibt es Tage wie heute. Um 11 Uhr hat sich heute die ganze Rasselbande bei uns im Festsaal zur ersten Schulversammlung getroffen. Und da sitz ich dann so auf den obersten Stufen zur Bühne und schau auf 300 lachende Kindergesichter, die vor mir auf dem Boden sitzen und merke, wie ich kurz um Fassung ringe, weil der Gedanke „das sind alles ‚meine'“ mich total berührt. Und ich sag zu den Kindern, wie gern ich dieses Bild mag und dass es schön ist, sagen zu dürfen „alles meine“ …..und sie jubeln und applaudieren….. Wir laden die Geburtstagskinder des Monat März ein, aufzustehen und singen ein „Wie schön, dass du geboren bist“ und es freuen sich die großen und die kleinen Geburtstagskinder. Wir laden ein zu einer Lobrunde, Lehrer/innen loben Schüler dafür, dass sie ihnen was erklärt haben im Bereich Technik, oder dass sie bei der Durchführung von Schulveranstaltungen so tatkräftig mithalfen. Schüler/innen loben andere Schüler/innen für Unterstützung, für gemeinsame Projekte, Schüler/innen loben eine Lehrerin, die spontan eingesprungen ist und somit eine Schulveranstaltung gerettet hat und und und…… Und dann singen 72 Erstklassler für uns alle noch ein Lied. „Freunde, wie wir….“ ….. Und dann schicken wir sie alle in die Ferien, der Festsaal leert sich, es wird wieder still, ich bleib noch ein Moment auf der Bühne sitzen. Ein Kollege geht vorbei und sagt: „Gut, dass du wieder da bist.“

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Wunschfrau

den sekundenbruchteil des augenblicks, wenn dein lächeln mich findet
den freudigen flügelschlag des schmetterlings, wenn die sonne den saum seiner flügel berührt
das leise lachen des windes, wenn er sich in unseren haaren verfängt,
den weichen klang der erde, wenn kleine füße sie berühren,
die sanfte klarheit des regens, der alle unsicherheit wegwäscht,
die bergende wärme deiner nähe,
das aufgeregte rascheln der blätter bevor sie sich auf ihre reise begeben,
die geheimnisvollen gärten in den gründen unserer seele,
das prächtige farbenspiel der rosen im garten der erinnerung,
das leidenschaftliche lied der wellen, das uns an den strãnden unserer meere erwartet.

was mehr könnte ich mir wünschen, außer vielleicht die nährende stille deiner gegenwart täglich neu zu erkennen.

[ projekt *.text, Wort 2 „wünschen“ http://neonwilderness.net/2015/01/28/das-zweite-wort-txt/ ]

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Sehr geehrte Frau Ministerin….oder so.

Den Medien entnehme ich wieder einmal die frohe Kunde, dass es Neuerungen im Bildungsbereich geben soll. Da lese ich zum Beispiel von Mindestgrößen einer Schule in der Sekundarstufe und denk mir noch frisch fröhlich, dass es sich um einen Ziffernsturz handeln muss und vermutlich 30 Schüler/innen statt 300 heißen muss.

Nun, ich werde eines besseren belehrt, da in allen möglichen Printmedien darüber berichtet wird und immer wieder die Zahl 300 als Mindestmaß erwähnt wird. Es besteht noch Hoffnung, dass es sich um eine Zeitungsente handelt oder der 1. April vorverlegt wird, denn alles andere müsste ich Ihnen, liebe Frau Ministerin, als bedenkliche Ahnungslosigkeit unterstellen.

Zugegeben, der Gedanke, sich beruflich neu zu orientieren mag seinen Reiz haben, Sie verzeihen mir die Ironie, denn ich leite selber eine Schule mit derzeit „nur“ 290 Schüler/innen, aber eigentlich mache ich meinen Job doch recht gerne.
Also gut, für Sie ist z.B eine Neue Mittelschule bis 300 Schüler/innen also eine kleine Schule. Das verwundert mich ein wenig, da eine Schule mit 300 Kindern bedeutet, dass sie 12 klassig ist und in jeder Klasse 25 Schüler/innen sind. Ungefähr 25 – 30 Kolleg/innen – je nachdem wieviele Teilzeit unterrichten – unterrichten an so einer Schule und der administrative Aufwand für eine Schule dieser Größe hat es durchaus in sich, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Ich erlaube mir hier anzumerken, dass es in den Neuen Mittelschulen für Schulleiter/innen keine Sekretär/innen oder Administrator/innen gibt, sondern wir Schulleiter/innen vor Ort jeweils One Man bzw. One Woman Shows sind, manchmal ist man geneigt zu sagen, dass wir „Mädchen für alles sind“, wir erledigen alles von A wie Amtsschriften bis Z wie Zielformulierung im Entwicklungsplan für die kommenden Jahre und ich erspare mir für alle weiteren Buchstaben etwas aufzuzählen. Eigentlich wäre ich froh, davon ausgehen zu können, dass Sie als Ministerin den Arbeitsalltag einer Schulleiterin in einer Pflichtschule kennen würden.  Jean- Jacques Rousseau formulierte einst so treffend „Um die Menschen kennen zu lernen, muss man sie handeln sehen.“ Ich hege jedoch die Befürchtung, dass diejenigen, die in unseren Schulen vor Ort arbeiten und daher die eigentlichen Bildungsexperten sind, wesentlich weniger Kontakt und Gesprächs- bzw. Austauschmöglichkeiten mit Ihnen und Ihren Mitarbeiter/innen haben, als jene, die sich selbst zu Bildungsexperten ernannt haben oder von ihren Parteien und / oder Interessensvertretungen  dazu ernannt wurden.

Mag sein, dass diese Bildungsexperten, so wie auch Sie, liebe Frau Ministerin, einmal unterrichtet haben. Gut. Grundsätzlich. Aber lassen wir doch bitte nicht außer Acht, dass die Schule und vor allem die Gesellschaft sich im letzten Jahrzehnt massiv gewandelt hat und diese geänderten Ansprüche und Bedürfnisse der Menschen sich auch in unseren Schulen wider spiegelt. Die Herausforderungen sind intensiver und mehr geworden, die Stellung von Schule, Bildung und vor allem die der Lehrerschaft in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich radikal verändert und so weiter und so fort, aber das ist ja nun nicht Gegenstand meiner momentanen Betrachtungen.

Derzeit bin ich als Schulleiterin in der Lage sagen zu können, dass ich alle meine Schüler/innen kenne, dass es mir ein Stück weit möglich ist, ihnen gut zu begegnen, ich komme in die Klassen zu Vertretungsstunden, ich kann das eine oder andere Gespräch bei mir in der Direktion führen oder ich setze mich hinaus zu den Kindern, da es vor meinem Büro einen Aufenthaltsbereich gibt, der gerne für Freistunden oder Hausübungen etc. genutzt wird. An meiner Schule unterrichten 30 Lehrer/innen und ich schaffe es so gerade noch, zu allen persönlichen Kontakt zu halten, mich in der Pause zu ihnen an den Kommunikationstisch zu setzen und Kaffee zu trinken, ein offenes Ohr für persönliche Anliegen und Nöte zu haben und so weiter. All das lässt sich natürlich eher selten in einer 40 Stunden Woche unterbringen und der Großteil meiner Arbeitswochen weist ein erhebliches Potential an Überstunden auf, was letztlich aber ohnehin hinfällig ist, weil ich ja ein Fixum verdiene.

Heute entnehme ich den Medien nun, dass Sie, liebe Frau Ministerin, sich missverstanden fühlen und nur die Verwaltungseinheiten umstrukturieren wollen. Sie rudern also zurück, wie man den Zeitungen entnehmen kann. Da werden Sie nun wahrscheinlich viel mehr Applaus ernten in der Öffentlichkeit.

Gestern waren doch viele entsetzt, denn was würde Ihre Idee der Mindestzahl 300 in eher ländlichen Regionen bedeuten? Da ist es jetzt schon oft so, dass Kinder um 06:00 das Haus verlassen, um den Schulbus zu erwischen, der sie dann in die Schulen bringt und das würde ja wohl bedeuten, dass eben jene Kinder noch weitere Schulwege in Kauf nehmen müssten. In manchen Bezirken wären Ihrer Rechnung nach zum Beispiel von derzeit angenommen bestehenden 15 Mittelschulen 12 zu schließen, weil sie keine 300 Schüler/innen aufweisen. Das sind Schulen in denen hervorragend gearbeitet wird, in denen Pädagog/innen Räume für Kinder schaffen, in denen diese sich entwickeln können, ihren eigenen Weg finden können und wo sich Pädagog/innen darauf einlassen, professionelle Beziehung zu ihren Schüler/innen zu leben. Das alles erfordert viel Kraft, Engagement, Motivation und Energie und ich kann mir gut vorstellen, wie betroffen so manche Kollegen gewesen sein werden, wenn sie den Medien entnehmen, dass Sie an Schulschließungen denken. Wir Leiter/innen sind immer wieder angehalten, unsere Mitarbeiter/innen zu motivieren und positiv zu bestärken in diesen schwierigen Zeiten. Ich gebe ehrlich zu, dass Sie damit keinen guten Beitrag dazu geleistet haben.

Also gut, ich rudere nun mit Ihnen zurück und will einmal glauben, auch wenn es schwer fällt, dass Sie missverstanden worden sind. Es geht Ihnen darum, die Verwaltung von Schulen zusammenzulegen. Klar, nix einfacher als das, ein Schulleiter, der eine Schule schafft, schafft natürlich auch zwei. Vermutlich nähern wir uns gerade des Pudels Kern. Müsste die eigentliche Frage denn nicht lauten, wie es sein kann, dass sich in der heutigen Zeit kaum mehr Lehrer/innen bereiterklären einen Schulleiterposten zu übernehmen? Gab es da früher noch Auswahlverfahren für Mitbewerber, so muss man heute an vielen Standorten schon sehr intensiv suchen, um überhaupt eine Person zu finden, die eine Schulleitung einer Neuen Mittelschule übernehmen möchte. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, allerdings hören will sie auf den höheren Ebenen eher niemand.

Ich muss ja immer noch schmunzeln, wenn man in meinem Freundeskreis meint, dass ich nun als Schulleiterin ja dem mittleren Management angehöre und so ja wohl recht gut verdienen würde. Bitte missverstehen Sie mich nicht, mein Gehalt als Lehrer/in ist durchaus ein feines. Allerdings sollte man vielleicht in der Öffentlichkeit auch ein wenig bekannter machen, dass man als Schulleiter/in nur unwesentlich mehr verdient, als die Lehrer, aber der Arbeitsaufwand und vor allem die Verantwortung wirklich beachtlich mehr ist. Die Leiterzulage in den APS (allgemeine Pflichtschulen) beträgt derzeit ca. 300 bis 900 € brutto (!!), je nach Schulgröße.  Es ist also nicht verwunderlich, bei all dem, was uns Schulleitern derzeit aufbgebürdet wird, dass sich viele das sehr gut überlegen. Es sagt sich „von Oben herab“ immer so schön, dass wieder etwas der Schulautonomie übergeben wird und die Entscheidungsfreiheit dann bei den Direktor/innen vor Ort liegt, es wär aber auch gut zu sagen, dass diese angebliche Autonomie immer zu Lasten anderer Stunden, anderer Mitarbeiter und letztlich zu Lasten der Qualität geht.

Schulen der Zukunft brauchen Professionalität. Wie Einstein schon sagte, ist es Unfug, die Probleme, die es gibt, mit den gleichen Denkweisen lösen zu wollen, die sie verursacht haben. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Vehemenz man in der Politik nach Gründen sucht, anstatt Wege zu finden. Wer will, der sucht Wege, wer nicht will, Gründe. Ein schöner, weiser Spruch, wie ich finde.

Schulen der Zukunft sollten von Innovation geprägt sein anstatt von Standardisierung und Konformität, sie sollten nicht mehr Lehrplan- zentriert sein, sondern Lerner-zentriert. Professionalität fordert, dass wir , die wir Verantwortung tragen – und da meine ich alle Ebenen – uns zutrauen, Verantwortung zu übernehmen und Prozesse zu steuern. Veränderungen bringen Unsicherheiten und Ängste, keine Frage, daher bedarf es auf allen Ebenen Führungspersönlichkeiten, die mit der Komplexität der Sache bestens vertraut sind und mit genau diesen Unsicherheiten umgehen, indem sie ihren Unternehmensgeist und ihre Begeisterung für die Sache sichtbar machen und vor allem, in dem sie mit großer Wertschätzung an die Aufgaben herangehen. Wertschätzend wäre es zum Beispiel, sich einmal die Mühe zu machen, eine Woche lang den Arbeitsalltag an einer Pflichtschule (eigentlich an jeder Schule, aber man bzw. ich hab halt manchmal den Eindruck, dass gerade in der Politik nur die AHS bekannt ist) mitzuerleben. Schulen der Zukunft brauchen echte Autonomie, sie brauchen selbstdenkende Menschen mit einem gesunden Maß an Urteilskraft. Schulen der Zukunft fordern von uns Mut, Persönlichkeit und Entscheidungsfähigkeit und wir müssen endlich lernen, über die Vergangenheit hinwegzukommen und anzuerkennen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die kulturelle Grenzüberschreitungen fordert, die Diversität als Chance versteht und die inklusiv anstatt eklusiv denkt.

Ja, es ist mir bewusst, dass dies alles eine gewaltige Baustelle darstellt, die keine schnellen Lösungen parat hält. Veränderungen brauchen Zeit und Raum. Und Veränderungen brauchen Entscheidungsträger, die allen wirtschaftlichen und politischen Interessen zum Trotz einzig und allein das Kind, den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen stellen.

Ich wünsche Ihnen viel Weisheit und hoffe, dass Sie mutig genug sind, andere Wege einzuschlagen, als die, die  Ihnen von allen möglichen Seiten eingeflüstert werden.

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