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Nikolaus

Gleich mal vorweg ich bin Nikolausfan. Bekennender. War schon als kleines Kind fasziniert von dem Mann mit Rauschebart, dessen Stimme so sehr an meinen Papa erinnerte, aber mein Papa hat den Besuch des Nikolaus zu meinem Ärgernis ja immer verpasst, er kam da jedesmal zufällig zu spät vom Dienst nach Haus…..

Nun gut. Es wurden viele Nikolaussackerl heute verteilt und es gab viele strahlende Gesichter. Auch ich hab mich über meine schon sehr gefreut heut. Dienstag ist ja auch immer mein „Mutterhaustag“ – soll heißen, da bin ich am Nachmittag nicht in der Schule sondern im Büro im Mutterhaus. Und da sitz ich also am späten Nachmittag so am Computer und tippe fröhlich vor mich hin (und genieße Ruhe und Stille) da klopft was an der Tür. Erster Gedanke, ah die Putzfrau kehrt draußen schon zusammen. Es klopft nochmal, diesmal hartnäckiger. Oh, da will wer zu mir. Also Tür auf.

Und dann steht er da. Der Nikolaus. Groß, langer Rauschebart, schönes Kleid mit schönem Umhang, eine goldene Mitra mit bunten Steinen und natürlich ein Bischofsstab. Schwester Floriberta, die den Nikolaus begleitet, kann sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen, kein Wunder, wenn man mich so mit offenem Mund und großen staunenden Augen da stehen sieht. Der Nikolaus schlägt sein goldenes Buch auf und sucht meinen Namen. Und dann beginnt er zu erzählen. Das, was ihm Schwestern über mich erzählt haben. Und ich steh da. Gänsehautfeeling. So viel Wertschätzung, soviel Anerkennung für meine Arbeit und so viel Rückenstärkung für den weiteren Weg. Ich antworte artig auf die Fragen und ertappe mich dabei, wieder Kind geworden zu sein. Verlegen und mit roten Wangen steh ich aufgeregt da und hab Mühe, meine Rührung zu beherrschen, als mir der Nikolaus aus seiner Tasche Schokolade schenkt.

Der Nikolaus muss wieder weiter. Die Tür schließt sich wieder und ich steh allein im Büro. Mit einem Herzen angefüllt bis obenhin mit Freude und Dankbarkeit. Was ist das doch für ein Geschenk, wenn Menschen einander so wichtig nehmen, dass sie sich so viel Mühe machen. Erwartungslos. Bedingungslos. Nur der Sache wegen.Die Liebe, die diese Schwestern (die Franziskanerinnen von Vöcklabruck) schenken, lässt Menschen heil werden. Ganz tief innen drinnen, dort, wo wir es alle am Nötigsten haben.

Danke, lieber Nikolaus für dieses überraschende Wiedersehen nach gut 40 Jahren. Du hast dich kaum verändert……

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Train of Hope Linz

Weil ich es zuhause einfach nicht mehr aushalte, grab ich den Riesenrucksack aus und mach mich auf den Weg zum Bahnhof Linz.
Erster Stopp: die Hoferfiliale im Nachbarort. Ich kaufe jede Menge Hygieneartikel und ernte verwunderte Blicke von Menschen, die an der Kasse anstehen. Die Kassiererin wünscht mir mit auffallend strahlendem Lächeln noch einen wunderschönen Tag.
So, alles gut im Rucksack verstauen und den ins Auto wuchten (ja, auch Zahnpasta und Seife kommen in Summe auf ordentliches Gewicht) und ab nach Linz.

Stau an der Stadteinfahrt…..ah ja….Ars electronica, Klangwolke u d irgendwas Sportliches mit vielen Fans…..naja, ich bin trotzdem überzeugt, hinter dem Ibis einen Parkplatz zu finden und tadaaaaaaaa, einer war noch frei! Rucksack umschnallen und zum Bahnhof rüber traben, runter zur Spendensammelstelle . Da sind erfreulicherweise jede Menge Leute und alles ist super organisiert, es gibt beschriftete Schachteln oder Plätze, wo man die mitgebrachten Sachen einsortieren kann. Während ich den Rucksack leere, packen zeitgleich unzählige fleißige Hände diverse Sackerl….Hygienepakete, Essenspakete, Babypakete (da kommt auch ein Kuscheltier rein…), Einkaufswägen voll mit Wasser….
Fleißige Helfer transportieren die fertigen Pakete auf den Bahnsteig. Gleis 5 und 6.

Ich schnapp mir auch a Schachtel und folge der kleinen Karawane.

Am Bahnsteig sind Versorgungsinseln, die alle mit den diversen Paketen ausgerüstet sind und mit Menschen, die sich drum kümmern und auf die nächsten Züge warten.
Ich geselle mich zu einer eher spärlich besetzten solchen Insel. „b6“
Ein junger Mann, eine junge Frau, eine Frau in meinem Alter (also noch eine junge *hust*), eine ältere Dame und ich. Wir verstehen uns alle auf Anhieb und reden und diskutieren über die Menschen, die auf der Flucht sind…..was geht in ihren Köpfen vor, was müssen sie alles verarbeiten, wie geht es ihnen, was wird uns erwarten…..

Ein Zug wird angkündigt….wir schnappen Sackerl, sprechen ab, wer in den Zug reingeht und wer heraußen bleibt um Türen offen zu halten, damit niemand von den Helfern unabsichtlich mitfahren muss….

In den Zügen viele Menschen. Reisende und Flüchtlinge. Reisende, die aussteigen informieren, wo Flüchtlinge etwas brauchen könnten, niemand ist ungehalten, niemand regt sich auf, alles passiert erstaunlich flott und ruhig. Die flüchtenden Menschen sind vorsichtig und scheu aber letztlich immer wieder unglaublich dankbar für die Hilfe.

Es braucht nicht viele Worte. Gesten reichen völlig aus. Und ein Lächeln und manchmal auch Tränen auf beiden Seiten.

Der nächste Zug ein Sonderzug. Die Ansage: Zug fährt durch. Wir werden aber informiert, dass der Zug trotzdem halten wird. Wir packen alles mögliche in den Zug, Flüchtlinge helfen im Zug beim verteilen, junge Migranten übersetzen, helfen beherzt mit, was nicht gebraucht wird, wird wieder herausgereicht. Niemand bunkert oder bereichert sich. Der Zug steht locker 10 Minuten, kein Stress. Ein Schaffner erzählt, wie lange er schon arbeitet….72 stunden, es ist aber kein Thema für ihn und er ist immer noch freundlich und lächelt.
Der Zug fährt ab, wir applaudieren, jubeln den Flüchtlingen zu und winken….und die Flüchtlinge in den Zügen winken, lachen, weinen, legen ihre Hand aufs Herz, werfen Küsschen und wir stehen am Bahnsteig und lachen und weinen mit.

Vom Spendensammelpunkt kommt wieder Nachschub mit vielen Helfern auf den Bahnsteig, die Inseln werden wieder aufgefüllt. Wir warten auf den nächsten Zug, plaudern, lachen, rauchen eine Zigarette…..ein junger Mann neben uns, lange Haare, Lederkluft, ordentliche beats umghängt, schwere Stiefel hört uns zu, raucht eine und wendet sich plötzlich an uns. „Ich hab hier zwar nichts hergebracht, aber kann ich mich zumindest finanziell beteiligen?“ Er kramt einige Euromünzen raus und drückt sie einer Helferin in die Hand, die strahlt und sagt „ich renn sofort runter und kauf „quetschsaftl“ (kleine Tetrapacks mit Säften) “ und schon rennt sie los….der junge Mann fragt, ib er helfen kann und wir bieten an, dass er Packerl mit in den Zug nimmt und verteilt. Der Zug fährt ein, der junge Mann steigt ein, wir gehen auch durch und beim Aussteigen bringt der junge Mann schnell nochmal zurück, was er nicht verteilen konntw, springt wieder in den Zug, dreht sich um und ruft noch ein „Danke für euer Engagement“ raus.

Wir warten auf den nächsten Zug.
Neben uns zwei junge Burschen. Cool guys mit Gitarren und Mütze und Hut. Einer wendet sich zu uns und fragt in kuhlstem amerikanischem Englisch, ob sie was in den Zug mitnehmen dürften, sie würden das auch gern verteilen. Die beiden sind seit ein paar Wochen schon auf Reisen, vorwiegend durch Osteuropa und jetzt via Frankfurt auf dem Weg nach Amsterdam. Sie sind beeindruckt, sagen sie. Der Zug kommt, wir steigen wieder ein…..

Die Inseln werden wieder aufgefüllt.
Dazwischen immer wieder freundliches Zugpersonal auch am Bahnsteig, sichtlich müde aber verständnisvoll und geduldig, wenn die Helfer nicht schnell genug wieder aus den Zügen heraußen sind. Auch Westbahnmitarbeiter/innen helfen mit. informieren in welchen Wägen Flüchtlinge sitzen oder fragen um Essenspakete, die sie selber verteilen.

Das Rote Kreuz ist zwischendurch immer wieder da, ebenso die Polizei. Aber die schauen immer nur kurz vorbei, alles geht ruhig und gut organisiert ab, was angesichts der Tatsache, dass sich diese Hilfe quasi aus dem Nichts formiert hat, unglaublich ist.

Der nächste Zug kommt, diesmal nur wenige Flüchtlinge.dennoch, die Inseln werden wieder aufgeräumt und gecheckt und Helfer bringen gegebenenfalls den benötigten Nachschub. Die Inseln sind voll.

Wir warten auf den nächsten Zug.

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Angst

Eigentlich wollt ich nur noch kurz im Bio Supermarkt einkaufen gehen. Also am Heimweg noch schnell Zwischenstopp, erfreulicherweise sofort Parkplatz, Auto in der Seitengasse zum Geschäft abstellen, das Parkticket gilt noch, Handtasche schnappen, aussteigen, Auto versperren, die Straße überqueren und Richtung Geschäft eilen. An einem Gebäude vorbei, in dem am Eck ein kleines Lokal ist. Eine Gruppe Männer steht in der Tür, einer der Männer wird herausgedrängt und angepöbelt,  der  Mann fällt  hin,  ich erschrecke und erstarre gleichzeitig. Ich sollte schnell weitergehen. Die anderen Männer kommen heraus, der Mann steht wieder auf, ein zweiter geht  total provokant auf ihn zu, er ist ihm um Häuser überlegen, der schwächere Mann zuckt zusammen…eigentlich müsste ich etwas sagen, etwas tun, denn der Typ geht auf den Gestrauchelten zu und verpasst ihm eine schallende Ohrfeige, einfach so, wortlos…seine Brille fliegt in hohem Bogen davon, ihm bleibt offensichtlich die Luft weg , er geht nochmal in die Knie und auch er hat offensichtlich Angst. Ich kann nichts sagen, nicht „Stopp“ schreien oder „hört auf“ weil ich selber Angst habe und eigentlich möcht ich nur ganz schnell weiterlaufen. Ich zwinge mich stehen zu bleiben und hinzuschauen. Vor allem auf die umstehenden Männer, die wortlos zuschauen. Endlich nimmt mich einer von denen wahr, schaut mich an, ich schau nicht weg. Er spricht mit einem anderen Mann, die beiden gehen zu dem Schlägertypen hin und halten ihn zurück. Ich gehe weiter mit butterweichen Knien. Ich kaufe ein und gäbe etwas darum, nicht wieder an dem Ecklokal vorbeizumüssen aber selbst wenn ich das Gebäude anders umrunde, komm ich dort wieder vorbei, denn mein Auto parkt ja gegenüber. Ich gehe also zum Auto und stelle überrascht fest, dass in und vor dem Lokal weit und breit kein Mensch mehr zu sehen ist. Offensichtlich haben sich alle eines besseren besonnen und sind gegangen. Ich hoffe es. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht, vor allem, weil ich wahrgenommen habe, dass ich mich nicht getraut habe, etwas zu sagen, obwohl jemand unmittelbar vor meinen Augen zusammengeschlagen wurde. Ich weiß nicht, was der Szene vorangegangen ist, aber das was ich gesehen habe, war ein wesentlich Schwächerer gegen einen wesentlich Stärkeren, das war einer, über den man sich lustig machte, den man anpöbelte und der dann zum Opfer wurde, der zu Boden geht, sich wieder aufrappelt und auf den der Stärkere wieder zugeht, um  mit offensichtlicher Lust in den Augen wieder auf ihn einzuschlagen. Der Mann hat nicht aufgebracht oder wütend gewirkt sondern man hat ihm angesehen, dass er die Angst  und Unterlegenheit des anderen sichtlich genossen hatte und ihm zeigen wollte, wer der Stärkere ist. Die Lust in den Augen des einen während er zuschlägt. Das hat mich zutiefst erschüttert. Die Angst, die ich empfunden habe und die mich beinahe weitergehen lies, hat mich ebenfalls erschüttert. Vorbeigehen und so tun, als hätte niemand etwas gesehen. Immerhin hab ich es geschafft, stehen zu bleiben und hinzusehen und die anderen wurden dadurch aufmerksam, und haben wahrgenommen, dass sie nicht unbeobachtet sind.  Ach ja, es waren natürlich Ausländer dabei, eh klar. Zumindest einer davon war einer. Nämlich der, der zu Boden ging. Der mit der Lust in den Augen war Österreicher, denn so akzentfreien oberösterreichischen Dialekt dürfte jemand mit Migrationshintergrund wohl nicht hinbekommen.

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Quo vadis oder so…….

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Man hat mich vorgewarnt. Man hat mir schon gesagt, dass die Tage nachdem die Absagen für das nächste Schuljahr draußen sind, mühsam werden. Und dennoch überrollt mich gerade eine Lawine, die mich sehr nachdenklich macht und die eine Unmengen an Fragen für mich aufwirft.

Ich bin  Schulleiterin einer katholischen Privatschule in Österreich (11 – 14 jährige). Jedes Jahr kann ich drei erste Klassen aufnehmen, das ist also eine begrenzte Anzahl an SchülerInnen. Anmeldungen gibt es ungefähr dreimal so viel, wie ich aufnehmen kann. Grundsätzlich freut  es mich und das ganze Team, dass der Andrang so groß ist, aber es macht auch nachdenklich.

Als ich heute morgen um 07.15 in die Schule kam, wartete bereits die erste aufgelöste Mutter auf mich und so ging das dann fast zwei Stunden weiter. Mütter, Eltern die mich unbedingt persönlich sprechen wollen und mir unter Tränen oder Beschimpfungen erklären, dass ich das persönliche Glück ihres Kindes zerstöre, wenn ich es nicht aufnehme .  Mütter, die mir erklären, dass ich verantwortlich bin, wenn sie den Grundstock an Wertevermittlung, den sie in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder aufgebaut haben nun nicht mehr weiterhalten können, weil ihr Kind nicht an unsere Schule kommt sondern eine öffentliche Schule besuchen muss. (Ich sag immer es darf in eine Schule gehen, denn wie viele Kinder auf der Welt wären dankbar, hätten sie überhaupt die Möglichkeit Schulen zu besuchen….)

Es macht mich sprachlos, wenn Mütter mir unter echten Tränen der Verzweiflung erklären, sie wollen auf keinen Fall, dass ihr Kind in die Schule XY kommt, weil sie dort dann mit diesen und jenen Kindern gemeinsam in einer Klasse sitzen müssten. Jedes Kind ist einzigartig und wertvoll in meinen Augen, ganz egal, welche Muttersprache es spricht, welche Hautfarbe es hat oder welches Lieblingsessen es hat. Es irritiert mich, mit welcher Bestimmtheit Eltern mir erklären, warum ich ein anderes  Kind doch auf keinen Fall nehmen könnte und stattdessen ihrem Kind diesen Platz freischaufeln möge. Ich verstehe natürlich, dass Eltern immer das Beste für Ihre Kinder wollen und dass es schwierig ist, wenn eine Wunschschule nun doch nicht möglich ist. Ich verstehe aber nicht, warum ich mir im  Atemzug der Entrüstung von einigen wenigen dann auch  noch sagen lassen muss „Sie haben keine eigenen Kinder, oder?“ (und ja, es stimmt, ich habe keine eigenen Kinder und bin in den Augen mancher Mitglieder unserer Gesellschaft daher eine unverantwortliche Karrierefrau, die nur an sich selbst denkt. Und ich bin eine von vielen Frauen, die sich das in verschiedenen Varianten immer wieder sagen lassen müssen und es leid sind zu erklären, dass man sich nicht immer selber aussuchen kann ob man Kinder hat oder nicht)

Es macht mich unendlich traurig wahrzunehmen, wie sich unsere Gesellschaft in diesen Reaktionen auf Schulabweisung widerspiegelt.

Die Frage, was an unserem Schulsystem faul ist, stell ich mir im Moment gar nicht mehr, da unsere ExpertInnen ohnehin keine Antworten aus der Praxis hören wollen. Die Frage, wohin unsere Gesellschaft sich entwickelt, wenn Eltern ihren neunjährigen Kindern einreden, dass es schlecht für ihre Entwicklung sei, wenn sie mit Kindern nichtdeutscher Muttersprache gemeinsam in die Schule gehen, die beschäftig mich sehr. Und notabene sei angemerkt auch wir nehmen Kinder auf, die nicht Deutsch als Muttersprache im Anmeldebogen stehen haben. Aber das haben jene Eltern, die sich so furchtbar über meine Entscheidungen beschweren wohl noch nicht bemerkt…..

 

 


Nikolaus

Es nikolaust gewaltig heut hier im Haus,das ist herrlich….
Bin heut morgen schon durch alle Klassen gegangen und hab für jedes Kind einen kleinen Schokonikolaus im Korb gehabt (300 Stück immerhin), die Klassenvorstände haben auch in allen Klassen eine Kleinigkeit für jeden Schüler bereit gehalten, vor dem Unterricht war eine unserer dritten Klassen unterwegs und hat gemeinsam mit der Lehrerin selbstgebackenen Lebkuchen an alle Kinder verteilt. Ich hab für meine Kolleg/innen auch einen großen Nikolauskorb mitgebracht, unsere Hausverwaltung kam dann noch daher mit einem riesen Tablett voller Mandarinen, Äpfel, Nüsse und natürlich Süßigkeiten. Mein Leiterkollege aus der AHS war grad herunten und hat mir ein Nikolaussackerl vorbeigebracht, eine Kollegin hat Brioche Krampusse gebacken, die Schwestern verteilen Nikoläuse und irgendwie wuselt es heute total bunt, früöhlich und schon recht vorweihnachtlich durch die Hallen. Dazu überall erfreute, leuchtende Kindergesichter und dicke weiße Schneeflocken, die vom Himmel fallen.
Es ist schon ein unglaubliches Geschenk, an so einem Ort arbeiten zu dürfen, mitgestalten zu können und seine „Herde“ hier „hüten“ zu können….
nikolaus


Pauli

Das Regenwetter hat heut einen sehr ruhigen, beschaulichen Tag mit sich gebracht. Aber irgendwann will man halt doch mal raus und so nutze ich eine Regenpause für einen Abstecher ins Ortszentrum. Im Kaffeehaus geht’s rund, zwei Autobusse voller Senioren landen hier – aus Salzburg und aus Vorarlberg (ein wenig frag ich mich ja schon, was die hierher führt, aber ich weiß schon, die Lebkuchen sinds… googelt einfach mal Kastner Lebkuchen, dann is alles klar) Nun gut, ich beschließ noch eine Runde zu bummeln. Wobei, das is hier schnell erledigt, hier gibt’s eine Apotheke, eine Buchhandlung, zwei Schuhgeschäfte, Billa, Bipa, Blumenladen, Sportgeschäft, Schmuckladen und den „Hole City Store“ (wow, und das hier….). In letzteren begeb ich mich hinein – angezogen von den schick angezogenen Schaufensterpuppen und den schönen Herbstfarben. Ein überraschend nettes Geschäft, ich schau mich ein wenig um und nehm dabei irritiert das heftige Schluchzen eines Kindes wahr. Das Schluchzen wird nicht weniger und so schau ich mich (neugierig, zugegeben…) um. Da steht mitten im Laden ein kleiner ca. 3 – 4 jähriger Bub und heult was das Zeug hält. Kein zorniges Bitzeln sondern ein ganz verzweifeltes Schluchzen. Was mich irritiert sind die relativ vielen Damen, die herumstehen und den Bub anschauen aber offensichtlich keine Mamma dabei und auch niemand, der sich irgendwie um den Buben annehmen will. Seltsam. Der kleine Knülchi steht da ganz starr mitten im Laden und heult.
So, ich halt das nicht mehr aus – geh mal hin zu dem Kleinen und knie mich zu ihm runter… Frag mal nach, was los ist…da kommt nix außer Schluchzen. Ich frag nach der Mamma, da wird das Schluchzen noch viel heftiger und meine Schulter is schon ganz durchnässt von den Tränen des kleinen Mannes. Mir dämmert, dass da eine Mamma verloren gegangen ist. Ich frag ihn, wie er heißt. Pauli.
Und ich frag, ob er die Mamma verloren hat. Er nickt. Hm. was nun tun… Ich geh mit ihm zu einer der älteren Angestellten – vielleicht kennen die ihn ja, ich bin ja nicht von hier. Schildere die Situation und bekomme ein knappes „Mei, das is aber blöd“ zur Antwort und sie dreht sich wieder um. Im ersten Moment mal bin ich sprachlos. So lass ich die jetzt aber nicht davonkommen. Ich also mit Pauli ihr hinterher. Wir müssen die Mamma finden. Sie sagt dann, naja, es gibt ja noch ein Stockwerk – vielleicht ist die da oben.Aber er (der Bub) soll erst mal seine Finger aus dem Mund nehmen sonst wird ihm schlecht auch noch und das könnten wir heut grad noch brauchen….. da erst seh ich die Treppe… also nix wie rauf und tatsächlich, das Heulen wird noch viel viel lauter aber diesmal wohl aus Erleichterung, denn da steht die vermisste Mamma und is total verblüfft, weil sie den kleinen Pauli samt seinem größeren Bruder bei den Spielsachen wähnte. Na, Hauptsache, alles is wieder gut, die Mamma is dankbar, der Pauli is froh und ich geh wieder runter und verlass das Geschäft. Im Rausgehen nehm ich noch wahr, wie ein paar Damen beisammen stehen und eine von ihnen sagt: Das hab ich mir eh gleich gedacht, dass der die Mutter verloren hat.


Teardrops

Der Linzer Mariendom ist ein Gebäude, das mich schon immer fasziniert. Eienrseits diese unglaubliche Größe andererseits die Atmosphäre, die drinnen herrscht. Dieses bergende Halbdunkel, die wunderbaren Glasfenster und die Raumdimension. Ich kenn den Dom ganz gut, von der Krypta bis hinauf zu den Glocken im Turm, vom „Dachboden“ bis hin zum Weg, außen am Dach entlang, vom Ruhepol (ein ganz besonderer Raum) bis zur Orgel. Ich entdeck immer wieder neue Winkel und kehr gern zu den mir schon bekannten zurück, einfach, weil ich ihn mag, den Dom und seine Seele.
Gestern kam noch etwas hinzu – eine Klanginstallation im Rahmen der Ars Electronica 2012.

Ich betret den Dom am Nachmittag, weil ich eine kurze Pause brauch nach all der Hektik in der Stadt…der Dom ist mir da immer willkommene Oase…ich geh hinein und werd sofort eingehüllt in Klänge. Es dauert ein wenig, bis ich realisiere, wo die herkommen, bzw. was hier los ist. Ein unglaublicher Klangraum… Töne, Klänge und kleine Melodien, die Herz und Seele berühren. Fasziniert von den Dimensionen, die sich eröffnen, durchschreite ich bewusst den Dom… dreh meine Runde und bin völlig perplex, dass dieser Klang mich permanent umgibt und wie warmer Regen auf mich herabfällt und mich einhüllt. Irgendwie ändert er die Richtung nie, obwohl ich meine Positionen verändere, es fallen immer warme, weiche, sanfte Töne auf mich herab und hüllen mich ein… Ich werde ruhig und setze mich in eine Bank…. könnte stundenlang so bleiben und in diesem Raumklang versinken. Vorne vor dem Hauptaltar steht ein Klavier, ein COmputer und viele Kabel…von da aus kommt also die Musik..
Ich bin berührt, als ich den Titel der Klanginstallation erfrage: „Teardrops“ von Rupert Huber.
Der Komponist beschreibt seine Intention zu dem Projekt :
Darauf sei er gekommen, weil viele Menschen bewegt von Freude oder Trauer eine Kirche aufsuchen, diese Gefühle dürfe man aber in unserer Gesellschaft nicht so offen zeigen. Oft ist es ein einziger Ton und dessen Nachhall, manchmal ist eine kleine Melodie zu erkennen, ganz selten wird es ein wenig lauter. Nicht gänzlich vertraut, aber auch nicht völlig fremd sind die Laute. Es sind bittersüße Tränen, auch Melancholie liegt in der Luft, Schwermut und Trost, immer eingebettet in die Harmonie von Klang und Raum.

und wahrlich, genau das empfindet man beim Hören und ich bin beeindruckt, wie sehr es ihm gelungen ist, Emotionen in so unglaubliche Klänge zu verwandeln.

Höhepunkt soll das Konzert um 23 Uhr sein….. Da ich von dem Projekt so beeindruckt bin, entschließe ich mich, in der Nacht nochmal nach Linz zu fahren. Um 22.30 betrete ich den Dom, der von Außen ganz dunkel wirkt. Innen drinnen warmes Licht, Halbdunkel und quasi ein freudiges Lächeln des Doms. Aber leider auch: unglaublich viele Menschen….
Menschen, die hereinstürmen in Gruppen, zu zweit, allein…auf der Suche nach dem großen Event, denn immerhin war ja grad auch die Klangwolke, mit Riesenfeuerwerken und allem drum und dran…

Die Bankreihen füllen sich, man hat das Gefühl, dass viele sich denken, naja, vielleicht wird das Konzert ja noch lauter….. Mich irritiert das Gemurmel, die vielen Menschen, die mit ihren Weingläsern direkt aus der Altstadt (von Wein und Kunst) in den Dom kommen und auf der Suche nach dem Event sind…. Rupert Huber setzt sich mit ein wenig Verspätung ans Klavier und beginnt nun live zu spielen, Klaviertöne, die in Echtzeit verfremdet werden und über Noise Gates den Raum erfüllen. Feine Klänge, leise Klänge… es dauert, bis es endlich ruhiger wird… ich atme auf, weil ich mir denke, endlich….sie haben’s geschnallt, die sanften Klänge sind’s, um die es geht… meine Freude währt nicht lange… nach gut 20 Minuten wird’s wieder unruhiger, die ersten stehen auf und gehen… der erwartete Megaevent findet wohl nicht statt….

Aber da sind auch Menschen, die sich ihren Platz in den Gängen gesucht haben, sich einfach auf den Boden legen und sich von der Musik einhüllen lasse. Ich entscheid mich endlich auch meinen Platz in der Bank zu verlassen… ich geh durch den Dom. Langsam, bewusst.Schritt für Schritt. Bin froh zu wissen, dass es hinter dem Kreuz (des Hauptaltares) nicht zu Ende ist, sondern dass es dort weiter geht, dass dort Raum ist. Und tatsächlich, dort sind nur 2, 3 Menschen…. die Tausenden, die in den Bänken sitzen, kann man von hier aus nicht sehen und ihr Gemurmel nicht hören.
Ich setze mich auf eine Stufe und lehn mich an eine Säule. Der Dom umarmt mich sanft und die Musik trägt mich fort… Weite Gedankenreisen in wunderbar geschenkter Geborgenheit. Ich atme die Klänge ein und nehm sie in mich auf… ich werde Eins mit dem Klang und dem Dom…. Ruhe. Unendliche Ruhe durchströmt mich.

Applaus holt mich zurück… das Konzert ist beendet, die Klaviertöne verstummen und die dunklen, leisen Klänge der Orgel verebben ebenso… die Menschen verlassen den Dom,stürmen hinaus, ich bin froh, noch hier im geschützten Winkel zu sein. Ich nehm wahr, dass auch die paar anderen Menschen, die hier ihren Platz gefunden haben, noch verharren. Wortlose Übereinstimmung, man kann nicht einfach hinausstürmen sondern man nimmt dankbar wahr und geht Schritt für Schritt, gut geerdet und verbunden mit dem Oben und Unten durch den Dom zum Ausgang, wir sind die letzten und wir sind dankbar dafür.

Ein Lächeln und jeder geht seiner Wege. Hinein in die Nacht.
Nur der Dom, er bleibt. Beständig, bergend und erwartend… wir sehen uns wieder….